Freitag, 21. Juli 2017

Heimkino-Tipp: „Elle“ (2016)

Basic Instincts

Das nenne ich mal Hingabe: Als feststand, dass Regisseur Paul Verhoeven seinen neuen Film „Elle“ in Frankreich drehen würde, machte er einen Sprachkurs, um vor Ort in der Muttersprache der Crewmitglieder mit seinem Team kommunizieren zu können. Seine wichtigste Verbündete: Schauspielerin Isabelle Huppert. Denn anders als eine ganze Reihe von Hollywood-Stars (u.a. Nicole Kidman, Sharon Stone, Julianne Moore, Diane Lane) hatte sie keine Probleme damit, die Hauptrolle in Verhoevens unerhörtem Psychothriller anzunehmen. Ein Film, der von einigen Kritikerkollegen als Rape Comedy betitelt wurde – ein Begriff, der scheußlicher nicht sein könnte. Und ganz nebenbei völlig unsinnig ist in Bezug auf das finale Werk. Ja, eine Vergewaltigung spielt in „Elle“ eine zentrale Rolle. Und ja, auch humorvolle Szenen sind in den 130 Minuten wider Erwarten zu finden. Ein Schenkelklopfer ist der ungewöhnliche Streifen deshalb aber noch lange nicht.

Michèle Leblanc (Huppert) ist Chefin eines Unternehmens, das Horrorvideos und Clips für Computerspiele produziert. Mit ihrem strengen und fordernden Auftreten hat sie nicht viele Freunde in ihrem Team, das größtenteils aus jungen Männern besteht. Eines Tages wird Michèle in ihrem Haus von einem Maskierten überfallen – und auf dem Küchenboden vergewaltigt. Doch statt den Vorfall zu melden, versucht sie ihren Alltag fortzuführen, ganz so, als wäre nichts geschehen. Aber der äußere Eindruck täuscht: Michèle begibt sich selbst auf die Suche nach dem Täter. Jedoch nicht, um ihn mit Gewalt zu bestrafen, sondern um auf ganz spezielle Weise auf das Geschehene zu reagieren.

Wer den Niederländer Verhoeven bisher nur als cineastischen Krawallmacher („Robocop“, „Total Recall“, „Basic Instinct“, „Starship Troopers“) wahrgenommen hat, wird von der Inszenierung dieses Films möglicherweise überrascht sein. Ein genauerer Blick auf seine Filmografie (und die genannten, in Hollywood entstandenen Kassenschlager) offenbart jedoch, dass hinter all der oberflächlichen Gewalt und Zeigefreudigkeit schon immer stets eine tiefere Bedeutung mitschwingt. Sei es Sozialkritik, ein Kommentar zur ungehemmten Gier nach sexueller Befriedigung oder eine Satire auf moderne Medien. Auch dem antifaschistischen Widerstand in seiner Heimat während des Zweiten Weltkriegs widmete er sich schon auf großartige Weise („Black Book“).

Nun also „Elle“. Ein verstörendes Drama, ganz zugeschnitten auf die dafür zu Recht für einen Oscar nominierte Huppert. Sie beweist – gerade im Vergleich zum ihrem aktuellen Kinofilm „Ein Chanson für Dich“ (Rezi HIER) – wie wandlungsfähig und beruflich unberechenbar sie ist. Ihre hier in der Rolle der Michèle glaubhaft zur Schau gestellte Kombination aus Verletzlichkeit, Wut, Eigensinn und Macht ist eine darstellerische Meisterleistung. Dank ihr schrammt „Elle“ nicht nur einmal knapp am Wahnsinn vorbei, sie hält die Geschichte in der Realität, auch wenn es sukzessive immer absurder wird.

„Elle“ ist eine Provokation in Perfektion, die höchstwahrscheinlich nur in dieser Kombination aus Regisseur und Darstellerin möglich geworden ist. Eine wendungsreiche Studie über eine moderne, selbstbewusste Frau, die auch im Angesicht eines brutalen Verbrechens einen kühlen Kopf behält und entgegen aller Erwartungen ihre Schlüsse daraus zieht. Man(n)/frau muss das nicht verstehen oder gutheißen – aber gesehen haben sollte man es.

Die Blu-ray/DVD bietet den Film in deutsch synchronisierter und original französischer Sprachversion sowie deutsche Untertitel (auch für Hörgeschädigte) und eine Hörfilmfassung. Als Extra gibt es Trailer. „Elle“ erscheint bei MFA+ FilmDistribution und ist seit 21. Juli 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © MFA+/SBS Productions, Twenty Twenty Vision Filmproduktion, France 2 Cinéma & Entre Chien et Loup)

Mittwoch, 5. Juli 2017

„Ein Chanson für Dich“ (Kinostart: 6. Juli 2017)

Can A Song Save Your Life?

Der Eurovision Song Contest war – zumindest für die Kandidaten aus Deutschland – in den vergangenen Jahren keine Erfolgsgeschichte. Überhaupt hat der Musikwettbewerb schon lange nicht mehr die künstlerische Bedeutung wie beispielsweise in den 1970er-Jahren, als Auftritte dort den Startschuss für langanhaltende, internationale Karrieren bedeuteten. Der französische Film „Ein Chanson für Dich“ von Bavo Defurne nutzt diesen Hintergrund für eine charmante Liebesgeschichte, die von verpassten Chancen, späten Neuanfängen und der Magie schnulziger Schlagersongs erzählt.

Die Einzelgängerin Liliane (Isabelle Huppert) arbeitet in einer Pasteten-Fabrik und hat sich ihren Alltag in einer unaufgeregten Routine zwischen Job, Couch und einsamen Abenden vor dem Fernseher eingerichtet. Die Eintönigkeit wird erst unterbrochen, als ein neuer, überaus junger Mitarbeiter namens Jean (Kévin Azaïs) auf sie aufmerksam wird. Er ist überzeugt, in ihr die Sängerin Laura erkannt zu haben, die vor vielen Jahren den zweiten Platz beim Grand Prix Eurovision de la Chanson belegte – und die sein Vater einst anhimmelte. Jean gelingt es, nach und nach Lilianes Vertrauen und Herz zu gewinnen, und überzeugt sie schließlich, noch einmal auf die Bühne zurückzukehren. Als die Medien auf das Mini-Comeback aufmerksam werden, gehen sie in die Offensive – und kündigen an, dass Laura noch einmal beim Grand Prix antreten wolle. Doch der Weg zum Ziel ist mit vielen emotionalen Hürden bestückt.

Was Sylvester Stallone alias „Rocky Balboa“ hinkriegt, kann Isabelle Hupperts Laura schon lange: Die altbekannte Erzählung eines ehemaligen Stars, der noch einmal alles auf eine Karte setzt, ist zwar nicht neu, im musikalischen Umfeld des Eurovision Song Contest allerdings aus einer ungewöhnlichen Perspektive erzählt. Denn Regisseur und Co-Autor Defurne lässt es sich nicht nehmen, einen leicht ironischen Blick auf das Business und die Mechanismen des Geschäfts zu werfen. Mit der Huppert hat er dafür eine kongeniale Komplizin vor der Kamera gefunden. Sie verkörpert die alleinstehende Fabrikarbeiterin ebenso überzeugend wie die verführerische Rampensau, lässt aber auch immer wieder hier und da ein süffisantes Grinsen durchschimmern. Das verpasst der doch geradlinigen Erzählung, die in vielen Aspekten einem Wohlfühl-Schlager gleicht, einen doppelten Boden. So bleibt es stets im Vagen, ob der Film liebevolle Hommage oder doch eher bitterböse Satire ist. Bestes Beispiel: Produzent, Songschreiber und Ex-Mann Tony (Johan Leysen), der Laura im Bademantel in seiner Protzvilla empfängt und ihr gegen eine gewisse Gegenleistung einen neuen Hit auf den Leib komponiert. Ein Mann mit großem Ego, aber eben auch mit großem Talent.

„Ein Chanson für Dich“ eignet sich daher sowohl für Fans als auch für jene, die nichts mit dem Eurovision Song Contest anfangen können. Eine „satirische Hommage“ sozusagen, mit einer wunderbaren Isabelle Huppert als schelmische Moderatorin.

(Plakat + stills: © 2017 Alamode Filmverleih)

Montag, 3. Juli 2017

Heimkino-Tipp: „John Wick: Kapitel 2“ (2017)

John Matrix 2.0

Selbstjustizstreifen haben im Actiongenre eine lange Tradition. Meist ist dabei der gewaltsame Tod eines Familienangehörigen die Initialzündung für einen moralisch zweifelhaften Rachefeldzug des Protagonisten/der Protagonistin. Das einzig Innovative ist dabei oftmals die Art und Weise, wie die vermeintlich Schuldigen aus dem Leben scheiden. Oder, wie bei „John Wick“ aus dem Jahre 2014, die Prämisse für den blutigen Amoklauf: der Tod eines Hundes (ein Geschenk der verstorbenen Frau).

Das Lachen über diese hemdsärmelige Ausgangssituation blieb mir allerdings schnell im Halse stecken. Das knallharte Filmchen von Chad Stahelski, der nun auch „Kapitel 2“ inszenierte, und David Leitch („Atomic Blonde“) bot handgemachte Old School-Action par excellence, eine physisch beeindruckende Performance von Hauptdarsteller Keanu Reeves und war ein wohltuender Gegenentwurf zu den physikalischen Absurditäten, die uns Jahr für Jahr von „Fast & Furious“ und Co. um die Ohren gehauen werden. Der Erfolg überraschte offenbar selbst die Macher, sodass eine Fortsetzung (leider) unausweichlich war. Um es gleich vorweg zu nehmen: Weder die Intensität, noch die Besonderheit des Vorgängers wird von „John Wick: Kapitel 2“ erreicht.

Inhaltlich direkt anschließend an Teil eins, holt sich Wick zu Beginn seine geliebte Karre von jener Bande zurück, die er zuvor bereits ordentlich dezimiert hat. Zurück im schicken Eigenheim, will er nun endgültig mit seiner Vergangenheit als Auftragskiller abschließen und seiner verlorenen Liebe nachtrauern. Ruhestand wie für einen normalen Büroangestellten gibt es aber für einen Mann mit seinen Fähigkeiten nicht. Ein ehemaliger Kunde fordert einen letzten Gefallen ein und unterstreicht seinen Wunsch mal eben mit einem Raketenwerfer. Wick willigt notgedrungen ein, nur um nach getaner Arbeit selbst auf der Abschussliste seiner schießwütigen Kollegen zu landen.

Dass inhaltlich kein Quantensprung zu erwarten ist, wenn das Leben eines Profikillers im Mittelpunkt steht, überrascht nicht. Diese ganze Chose jedoch mit derart vielen Abziehbildern und Pappfiguren zu befüllen, die entweder Dialoge wie in schlechten B-Movies von sich geben oder mit ihren Waffen so genau zielen wie ein Maulwurf bei Tageslicht, ist schon ärgerlich. Mitunter fühlt man sich als Zuschauer an schönsten 1980er-Nonsens à la „Phantom-Commando“ zurückerinnert, wenn der Held als Einziger Treffsicherheit beweist, während Unmengen an Statisten mit Schmackes vor sein Zielfernrohr rennen. Nein, Realitätsnähe ist bei einem Film dieser Art sicher kein Muss. Aber jede Eigenständig- und Einmaligkeit des ersten Teils derart zu negieren, führt auch bei mir irgendwann zu schlechter Laune. Zumal der Figur des Wick keinerlei charakterliche Weiterentwicklung zugestanden wird.

Das Traurige: Irgendwo in diesem zweistündigen Dauerfeuer ist tatsächlich ein guter, packender und außergewöhnlicher Film versteckt. Der schimmert immer dann durch, wenn Wick auf seinen Kontrahenten Cassian trifft, der von dem Oscar-prämierten Rapper und Schauspieler Common dargestellt wird – der einzige Gegenspieler auf Augenhöhe zu Wick. Deren Konfrontationen sind ideenreich, überraschend und mit Verve inszeniert. Das ganze Gegenteil dagegen sind jene Szenen mit Laurence Fishburne alias Bowery King, deren Sinn nur darin zu bestehen scheint, die einstigen „The Matrix“-Helden (Reeves und Fishburne) wieder zusammenzubringen. Scheußliche Dialoge, Overacting und völlige Sinnfreiheit sind hier in kompakten fünf Minuten zu erleben. Andererseits eine gute Zusammenfassung all dessen, was in „Kapitel 2“ zu 80 Prozent falsch läuft.

Nein, ein Totalausfall wie beispielsweise die Fortsetzungen der Liam Neeson-Reihe „Taken (96 Hours)“ ist hier nicht zu erleben. Dafür sind die Actionszenen noch immer viel zu gut umgesetzt. Aber wer mit „John Wick“ vorlegt, sollte mehr in petto haben als einen ewig rumballernden Kerl, der scheinbar ebenso wenig Lust an seinem Auftrag hat wie die Zuschauer auf einen seelenlosen Aufguss eines vormals herausragenden Films.

Die DVD/Blu-ray/4K UHD bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Als Extras befinden sich diverse Kurzdokumentationen, ein Audiokommentar und Trailer auf den Discs. Die Blu-ray/4K UHD haben zusätzlich noch entfallene Szenen mit an Bord. „John Wick: Kapitel 2“ erscheint bei Concorde Home Entertainment und ist seit 27. Juni 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © 2017 Concorde)

Mittwoch, 21. Juni 2017

Heimkino-Tipp: „Pet“ (2016)

Love Hurts

Das hat dieser Film nicht verdient: Laut der allwissenden Internet Movie Database (imdb, Link) spielte der amerikanische Horrorfilm „Pet“ an seinem Startwochenende lediglich $63 ein. Allerdings wurde er auch nur in einem Kino gezeigt. Am Ende der Spielzeit waren es schließlich traurige $70. Glücklicherweise sagen diese Zahlen jedoch nichts über die Qualität des Streifens aus.

Der zweite Langfilm von Regisseur Carles Torres („Apartment 143“) beginnt recht konventionell: Der Einzelgänger Seth (Dominic Monaghan) trifft im Bus zufällig eine ehemalige Schulkameradin namens Holly (Ksenia Solo) wieder. Die kann sich zwar überhaupt nicht an den jungen Mann erinnern, doch das stört ihn zunächst wenig. Denn dank sozialer Onlinemedien gelingt es ihm problemlos, Hollys Vorlieben und Hobbys zu recherchieren. Mit diesem Wissen im Gepäck versucht er fortan, ihr den Hof zu machen – leider erfolglos. Also zwingt er sie zu ‚ihrem Glück‘: Er lauert ihr auf, entführt sie und sperrt sie im Keller eines Tierheims in einen Käfig, bis sie ‚zur Vernunft‘ kommt.

So weit, so erwartbar. Allerdings halten Regisseur Torres und sein Drehbuchautor Jeremy Slater (TV-Serie „The Exorcist“) nach dieser ersten halben Stunde noch einige Überraschungen parat. Denn Holly ist keineswegs bereit, sich ihrem Schicksal kampflos zu ergeben. So beginnt ein unterhaltsames Psychospiel zwischen Kidnapper und vermeintlichem Opfer, das im weiteren Verlauf in ziemlich abgedrehte Sphären vordringt.

Gedreht in derselben Location wie einst der erste Teil der „Saw“-Reihe, beeindruckt neben der inhaltlichen Konsequenz vor allem die Professionalität der Umsetzung. „Pet“ ist ein mit moderaten finanziellen Mitteln entstandener kleiner Fiesling, der optisch einiges hermacht und zwei Hauptdarsteller präsentiert, die überaus glaubhaft agieren – was dem Streifen aufgrund der ungewöhnlichen Storywendungen bei weniger talentierten Schauspielern sicherlich einiges an Suspense gekostet hätte.

„Pet“ ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie eine neue Generation von Filmemachern mit Kreativität und handwerklichem Können versucht, eingefahrene Wege im Horrorgenre zu verlassen und mehr zu bieten, als den üblichen Schmarrn. Ja, „Pet“ setzt beim Publikum die Bereitschaft voraus, sich auf Ungewöhnliches einzulassen. Wer es tut, hat 94 Minuten viel Spaß.

DVD- & Blu-ray-Infos: Beide Scheiben bieten den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Untertitel sind in deutsch und englisch vorhanden. Als Extras gibt es diverse Trailer. „Pet“ erscheint bei Pandastorm Pictures / Edel und ist seit 23. Juni 2017 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Pandastorm Pictures)

Mittwoch, 14. Juni 2017

Heimkino-Tipp: „Hacksaw Ridge“ (2016)

The Braveheart

Über 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs könnte man meinen, schon alle Heldengeschichten aus jener Zeit gehört/gelesen/gesehen zu haben. Mel Gibsons „Hacksaw Ridge“ jedoch widmet sich einer Person, deren bemerkenswerte Taten erst vor kurzer Zeit einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurden. Nicht aus Desinteresse, sondern wegen der Weigerung des Helden, seine Handlungen selbst als ‚heldenhaft‘ anzusehen. Für Desmond Doss war das, was er tat, schlicht seine Pflicht – als Mensch, als Soldat, als gläubiger Christ.

Desmond (Andrew Garfield) wächst zusammen mit seinem Bruder im amerikanischen Virginia auf. Obwohl sein Vater (Hugo Weaving) von seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg schwere seelische Verletzungen davongetragen hat, meldet sich Desmond aus Gewissensgründen zum Militärdienst. Schon während seiner Grundausbildung macht er jedoch deutlich, dass er keine Waffe in die Hand nehmen will und wird. Das christliche Gebot „Du sollst nicht töten“ verbiete ihm, auf andere Menschen zu schießen und ihnen damit das Leben zu nehmen. Für seine Kameraden und Ausbilder (Vince Vaughn, Sam Worthington) eine Provokation, doch alle Versuche, Desmond zum Aufgeben zu bewegen, scheitern an dessen Sturheit und seinem Wunsch, trotzdem an der Front helfen zu wollen.

Schließlich wird er zusammen mit seiner Truppe auf die japanische Insel Okinawa entsandt, wo sie ein Felsplateau einnehmen sollen, das mit aller Härte von Japanern verteidigt wird. Schon nach einem ersten verheerenden, gescheiterten Angriff ist es Desmond, der im Alleingang und inmitten feindlicher Kräfte beginnt, Verwundete vom Schlachtfeld zu ziehen, um sie anschließend an einer Felswand abzuseilen – ohne Waffe und ohne einen einzigen Schuss abzufeuern.

Die Geschichte des Desmond Doss ist derart unglaublich, dass sie ohne gesicherte historische Fakten als patriotisches Fantasieprodukt Hollywoods abgestempelt werden müsste. Regisseur Mel Gibson und sein Autorenteam vermeiden es glücklicherweise auch, ihren Helden als lupenreinen Patrioten zu inszenieren, der ‚nur für sein Land, für die USA‘ kämpft. Vielmehr stellt Hauptdarsteller Garfield seine Figur als höflichen, aber willensstarken Charakterkopf dar, der sich der Absurdität seines Wunsches, ohne Waffe in den Krieg zu ziehen, durchaus bewusst ist. Aller ihm von seinen Kameraden entgegengebrachten Gewalt zum Trotz, macht er keine Unterschiede, wem er später in einer Notsituation hilft – selbst ein japanischer Soldat wird von ihm medizinisch versorgt.

Bei all dieser präsentierten Menschlichkeit bleibt es aber trotz allem ein Kriegsfilm. Mit Gibson auf dem Regiestuhl und dessen bekannten Œuvre als Filmemacher („Braveheart“, „Die Passion Christi“) sollte jedem klar sein, dass es darin an gezeigter Brutalität nicht mangelt. Es ist ein starker Kontrast, den Gibson damit aufzeigt – und, rein künstlerisch betrachtet, eine Meisterleistung seines Produktionsteams.

Nun könnte man sich darüber echauffieren, dass Gibson am Ende doch noch in eine – zumindest optische – Überhöhung seines Protagonisten abgleitet. Geschenkt. Viel auffälliger ist nämlich die in meinen Augen ungewöhnliche Besetzung mancher Rollen. So scheint der noch etwas kindlich aussehende Andrew Garfield erst im Laufe des Films richtig in seinen Charakter zu schlüpfen, während Vince Vaughn, der meist nur in Komödien zu sehen ist, sich zwar um Authentizität bemüht, mit einem kleinen Doppelkinn neben einem durchtrainierten Sam Worthington auf dem Schlachtfeld jedoch etwas deplatziert wirkt. Eine Glanzleistung hingegen legt Hugo Weaving hin, der die ganze Wut, Traurigkeit, Angst und Hilfslosigkeit eines Vaters, der seine Kinder in den Krieg ziehen lassen muss, sehr intensiv verkörpert.

„Hacksaw Ridge“ war 2017 für sechs Oscars nominiert und erhielt den Goldmann schließlich für den Filmschnitt und den Soundmix. Ob er auch die Auszeichnung „Bester Film“ verdient hätte, liegt im Auge des Betrachters. Einen Blick ist das Werk allein aufgrund seiner ungewöhnlichen Geschichte aber auf jeden Fall wert.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche und englische Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es ein informatives, 70minütiges Making of, gelöschte Szenen, diverse Interviews und Trailer. „Hacksaw Ridge“ erscheint bei Universum Film und ist seit 9. Juni 2017 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Universum)

Sonntag, 11. Juni 2017

Heimkino-Tipp: „Split“ (2016)

Ich, sie und der Andere

Um die Jahrtausendwende, so schien es, konnte der Filmemacher M. Night Shyamalan nichts falsch machen: „The Sixth Sense“, „Unbreakable“, „Signs“ und „The Village“ begeisterten Millionen Kinozuschauer und der obligatorische Schluss-Twist, der die vorangegangene Handlung meist komplett auf den Kopf stellte, wurde zu einer Art Markenzeichen für die Filme des gebürtigen Inders. Damit baute er sich zwar eine treue Fanschar auf, steckte gleichzeitig aber auch ein einer künstlerischen Sackgasse. Seine halbherzigen Befreiungsversuche („Das Mädchen aus dem Wasser“, „Die Legende von Aang“, „After Earth“) und die damit einhergehenden vernichtenden Kritiken ließen nicht viel Hoffnung auf eine Rückkehr zu alter Stärke.

Und nun das: „Split“. Kreativ, ungewöhnlich, spannend, ein Volltreffer. Zudem keine bloße Kopie seiner frühen Erfolgswerke, sondern etwas wirklich Neues, das erst am Schluss eine Brücke schlägt zu einem bekannten Filmuniversum, das Shyamalan in den folgenden Jahren weiter ausbauen möchte. Viel hätte dabei schiefgehen können, doch schon beim Schreiben des Drehbuchs scheint sich der inzwischen 46-Jährige bewusst dafür entschieden zu haben, wieder richtig gute Ware abzuliefern. So sind Inhalt, Stil und Form wie aus einem Guss und weit weg von den holprigen Storyverläufen à la „The Happening“, mit denen er krampfhaft versuchte, an seine frühe Erfolgsformel anzuknüpfen.

In „Split“, dessen Plakat nicht zufällig an einen anderen Shyamalan-Film erinnert, darf das Publikum in die seltsame, verstörende und bedrohliche Gedankenwelt eines schizophrenen Mannes (James McAvoy) eintauchen, der drei Teenager-Mädchen entführt. Diese merken erst nach und nach, dass ihnen je nach Tagesform ein anderer Kidnapper gegenübersteht, der ihnen das Essen in ihr Verlies bringt. Mal ist es ein autoritär auftretender Brillenträger, mal ein Neunjähriger, ein anderes Mal eine Frau. Während ihre beiden Mitgefangenen zunehmend in Panik geraten, ist für die schüchterne Casey (Anya Taylor-Joy, bekannt aus „The VVitch“, Rezi siehe HIER) bald klar, dass sie sich mit einer dieser Persönlichkeiten anfreunden muss, um aus der Gefangenschaft entkommen zu können. Denn je länger sie wartet, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, ‚der Bestie‘ zu begegnen, einem weiteren imaginären Charakter des Entführers, der scheinbar sehr sehr schlimme Dinge plant.

Es ist beeindruckend zu sehen, mit welcher Leichtigkeit es Hauptdarsteller McAvoy gelingt, zwischen den verschiedenen Figuren hin- und herzupendeln. Dabei verlässt er sich nicht nur auf einen sich verändernden Kleidungsstil, sondern dichtet jedem Charakter eine andere ‚Macke‘ an (einen Sprachfehler, eine Eigenheit, ein Talent), die er dann überaus überzeugend auslebt. Eine Meisterleistung und der nächste Beweis dafür, dass der britische Schauspieler einer der Besten seines Fachs ist.

Wie kann frau da als Gegenpart bestehen? Shyamalan lässt gleich zwei starke Damen auf ihn los: Neben Taylor-Joy, deren cleverer Charakter Casey sukzessive seine Geheimnisse preisgibt, ist Betty Buckley alias Dr. Fletcher die psychologische Hürde, die dem Antihelden contra gibt. Es ist bemerkenswert, wie glaubhaft Drehbuchautor Shyamalan dabei wissenschaftliche Fakten zur Schizophrenie mit eigenen Ideen vermischt und so den Film im letzten Drittel in eine völlig unerwartete Richtung lenkt.

Ja, mit „Split“ ist dem Regisseur und Autor tatsächlich ein fulminantes künstlerisches Comeback gelungen. Anspruch, Spannung und Form sind nun wieder Eins. Und ebenso wie nach „The Sixth Sense“ oder „Unbreakable“ kann ich endlich wieder stolz sagen: Ich freue mich auf den nächsten Shyamalan-Streifen!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film u.a. in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie diverse Untertitel. Als Extras gibt es gelöschte Szenen, ein alternatives Ende, sowie drei informative Making of-Kurzdokus. „Split“ erscheint bei Universal Pictures Germany GmbH und ist seit 9. Juni 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © Universal Pictures)

Samstag, 10. Juni 2017

Heimkino-Tipp: „Paterson“ (2016)

Permanent Creation

Unterstellen will ich nix, aber kann es sein, dass der Schauspieler Adam Driver, der zuletzt als „Star Wars“-Bösewicht Han Solo und Konsorten ordentlich den Hintern versohlte, nur aufgrund seines Namens die Hauptrolle im Jim Jarmusch-Film erhalten hat? Der Driver spielt darin nämlich einen Busfahrer. Nomen est omen quasi. Und um der Doppeldeutigkeit noch einen draufzusetzen, nennt Jarmusch seinen Protagonisten Paterson – ebenso wie die Stadt, in der die Geschichte spielt.

Herrlich absurd das Ganze, und doch typisch für den inzwischen 64-jährigen Regisseur. Der hat – einmal mehr – in seinem Film vordergründig nicht viel zu erzählen und findet doch unendlich viel Zauberhaftes im monotonen Alltag seiner Hauptfigur. „The same precedure as every week“ lautet das Credo und so geht Paterson jeden Tag zur Arbeit, fährt jeden Tag dieselbe Route, lauscht jeden Tag den Gesprächen seiner Fahrgäste und besucht jeden Abend seine Lieblingskneipe. Doch Moment, was ist das? Sahen die Vorhänge im Wohnzimmer gestern nicht anders aus? Denn während Paterson der Routine folgt, sucht seine Freundin Laura (wie immer wunderbar: Golshifteh Farahani) die Abwechslung. Ständig. Jederzeit. Pausenlos. Ein ungewöhnliches Paar. Aber Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an.

Soweit das Offensichtliche. Denn der maximale Minimalismus, den Jarmusch hier gewohnt lakonisch auf die Leinwand zaubert, ist gleichsam eine Verneigung vor der Poesie und dem Dichter William Carlos Williams. Der verfasste 1926 ein 85 Zeilen langes Gedicht über den Ort Paterson und inspirierte Jarmusch zu seinem Film. Ebenso wie Williams feiert der Regisseur die kleinen Details und die Dinge des täglichen Lebens. Entstanden ist eine wunderschöne, entspannte und unaufgeregte Hommage an den Ort, dessen Bewohner und die Kreativität, die jedem einzelnen Menschen innewohnt: Sei es das extrovertierte Auftreten von Laura, die Wände, Kleider und Möbel bemalt, Cupackes bäckt und als Musikerin anderen Freude bringen will, oder das introvertierte Schaffen von ihrem Freund, der seine Gedichte nur für sich selbst schreibt.

Sogar für Selbstreflexion nimmt sich Jarmusch Zeit: Lauras Vorliebe für schwarz-weiße Muster und die interessant-witzigen Unterhaltungen der Busfahrgäste erinnern an seine Kurzfilmsammlung „Coffee and Cigarettes“, ein Gastauftritt von Rapper Method Man an Jarmuschs Freundschaft zum Wu-Tang Clan, und die kurze Erwähnung von Iggy Pop ist nichts weiter als freche Eigenwerbung für seine Stooges/Iggy Pop-Doku „Gimme Danger“, die erst im April 2017 im Kino zu sehen war und in der es erwartungsgemäß etwas lauter zuging als in „Paterson“. Wenn diese dann auch fürs Heimkino erscheint, empfehle ich ein Double-Feature mit dem Titel: „Die zwei Seiten des Jim Jarmusch“. Denn egal ob leise oder laut: die Filme dieses Mannes sind immer ein wunderbares cineastisches Erlebnis.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es Trailer. „Paterson“ erscheint bei weltkino/universum film und ist seit 9. Juni 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © Weltkino Filmverleih GmbH)

Sonntag, 28. Mai 2017

Heimkino-Tipp: „Multiple Schicksale“ (2015)

Gefangen im eigenen Körper

Unbeweglich liegt sie in ihrem Bett – angewiesen auf Pflegekräfte, ernährt über eine Magensonde, zum Sprechen nicht mehr fähig: die Mutter des 20-jährigen Regisseurs Jann Kessler hat MS, Multiple Sklerose. Lange Zeit wollte er sich nicht mit ihr und ihrer Krankheit auseinandersetzen. Nun hat er einen Dokumentarfilm über sie und andere Patienten gedreht.

Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. In Deutschland gibt es derzeit etwa 200.000 Betroffene jeden Alters. Zu den Symptomen zählen Seh-und Gleichgewichtsstörungen, Lähmungen, Schmerzen, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen. In welchem Ausmaß diese Einschränkungen auftreten, ist von Patient zu Patient unterschiedlich. Ansteckend ist MS nicht – und doch beeinflusst es in großem Maße auch das Umfeld all jener, die damit konfrontiert werden.

Dies macht Kessler in seinem mit außergewöhnlicher Professionalität realisierten Debütfilm mehrfach deutlich. Er stellt, neben seiner Mutter, sechs Menschen vor, die mit MS leben (müssen). Deren familiäre Situation ist dabei ebenso unterschiedlich wie ihr körperlicher Zustand und die Jahre, die seit der Diagnose vergangen sind. Dadurch gelingt es Kessler gleich von Beginn an, eines zu verdeutlichen: Es kann jede/n treffen. Egal ob Hausfrau, Sportler, Schülerin oder Pfarrer. Wie sehr deren Alltag von MS bestimmt wird, hängt dabei nicht nur von der persönlichen Einstellung ab, sondern auch von den sogenannten Schüben – also jenen „Etappen“, die nach und nach immer mehr Körperfunktionen ausschalten. So können MS-Patienten beispielsweise viele Jahre beinahe ohne Behinderungen ihrem Alltag nachgehen, während andere innerhalb kurzer Zeit ihre Selbstständigkeit verlieren.

Dank der Vielfalt an Protagonisten ist somit für jeden Zuschauer eine Bezugsperson vorhanden. Diesen ‚inszenatorischen Trumpf‘ nutzt Kessler, indem er allen vorgestellten Personen genug Zeit und Raum gibt, über ihren Zustand zu reflektieren und so eine Intimität schafft, die verblüfft. Es ist den Porträtierten anzusehen, dass sie ein Bedürfnis danach haben, endlich einmal offen über „ihr MS“ sprechen zu können. Der Fakt, dass der Mann hinter der Kamera aufgrund des Schicksals seiner Mutter quasi einer von ihnen ist, scheint dabei eine große Rolle zu spielen.

Dem Film wurde beim Kinostart von einigen Seiten vorgeworfen, zu wenig auf Therapieangebote einzugehen und vornehmlich nur die sukzessive voranschreitenden Beeinträchtigungen zu zeigen. Diese Kritik ist nur teilweise berechtigt: Zwar werden verschiedene Behandlungsmethoden nur angedeutet, der Fokus aber bleibt stets beim Privatleben der Sechs – und genau das ist die Stärke des Films. Denn die Tatsache, dass er in der Schweiz entstand, wo ein „assistierter Suizid“ möglich ist, gibt den Aussagen und den Handlungen der Interviewten eine besondere Note.

„Multiple Schicksale“ ist kein Lehrfilm mit erhobenem Zeigefinger und wirkt – trotz der berechtigten Frage, inwieweit es angemessen ist, eine zur Kommunikation und Bewegung unfähige Person zu filmen – nicht wie ein Egotrip eines Regisseurs, der sich auf Kosten seiner erkrankten Mutter profilieren will. Vielmehr ist ihm ein zurückhaltend-beobachtendes Werk gelungen, das zeigt, wie zerbrechlich jedes einzelne Leben sein kann.

Die DVD bietet den Film in deutscher/schwizerdütscher Originalversion mit einer Vielzahl (u.a. deutsch, englisch, französisch, italienisch) von Untertiteln. Als Extras gibt es etliche informative Features: Gespräche mit den Protagonisten zwei Jahre später, diverse Interviews mit dem Regisseur und MS-Experten sowie kindgerechte Clips, in denen MS und MS-Symptome verständlich erklärt werden. Ein ausführliches Booklet mit vielen Hintergrundinformationen auch von der Filmpremiere ist ebenfalls vorhanden. „Multiple Schicksale – Vom Kampf um den eigenen Körper“ erscheint bei good!movies/SchwarzWeiss Filmverleih/filmkinotext und ist seit 26. Mai 2017 erhältlich (Packshot und stills: good!movies/SchwarzWeiss Filmverleih/filmkinotext/Spot on Distribution).

Mittwoch, 24. Mai 2017

... im Nachgang: „Alien: Covenant“ (Kinostart: 18. Mai 2017)

„Im Weltall hört dich niemand schreien.“ In der Redaktion des Kinokalender Dresden schon – vor Freude und vor Wut über den neuen »Alien«-Film. Aber lest HIER selbst! Von mir stammt der Pro-Teil der Rezension.

(Plakat: © 2017 Twentieth Century Fox of Germany GmbH)

Sonntag, 21. Mai 2017

Heimkino-Tipp: „Kein Platz für wilde Tiere“ (1956) + „Serengeti darf nicht sterben“ (1959)

Roar

Zugegeben: Mein primäres Interesse an den beiden hier vorgestellten Werken ist filmhistorisch bedingt. „Serengeti darf nicht sterben“ war der erste deutsche Dokumentarfilm, der einen Oscar (1960) erhielt. Nun erscheinen „Serengeti …“ und der ebenfalls von Bernhard Grzimek wenige Jahre zuvor gedrehte „Kein Platz für wilde Tiere“ erstmalig auf Blu-ray. Eine gute Gelegenheit also, diese cineastische Wissenslücke zu schließen.

Regisseur Prof. Dr. Bernhard Grzimek (1909-1987) gilt als einer der wichtigsten Tierforscher der Bundesrepublik und war nach dem Zweiten Weltkrieg langjähriger Direktor des Frankfurter Zoos. Später führten ihn mehrere Forschungsreisen auf den afrikanischen Kontinent, und spätestens mit dem Aufkommen des Fernsehens avancierte er u.a. dank seiner TV-Sendung „Ein Platz für (wilde) Tiere“ zum bekanntesten Tierschützer der BRD. Fürs Kino entstanden während dieser Zeit jene zwei Dokus, bei denen auch sein Sohn Michael mitwirkte. Er starb während der Dreharbeiten 1959 bei einem Flugzeugabsturz.

Wie oftmals bei älteren Werken, die als „Klassiker“ gelten, sollte man als Zuschauer stets die Umstände und Zeit ihrer Entstehung im Hinterkopf behalten. Mitte der 1950er-Jahre waren Tierbeobachtungen, so wie wir sie heute quasi pausenlos im Fernsehen bewundern können, nicht oder nur ansatzweise möglich. Kameras waren sehr viel unhandlicher und größer, Steppen und Wälder geologisch noch nicht so weit erschlossen und Forschern stand sehr viel weniger Technik für ihre Arbeit zur Verfügung. Umso beeindruckender sind die Aufnahmen, die den Grzimeks und ihren Teams gelangen.

Obwohl sich beide Filme mit dem (zur damaligen Zeit mangelndem) Tierschutz in Afrika auseinandersetzen, haben sie inhaltlich unterschiedliche Schwerpunkte: „Kein Platz für wilde Tiere“ stellt unzählige Tierarten und ihren Lebensraum näher vor, zeigt ansatzweise den Alltag der dort ansässigen Bevölkerung und warnt eindringlich vor den Folgen der Verstädterung großer Landteile. „Serengeti darf nicht sterben“ hingegen dokumentiert vornehmlich den Versuch, die Lebensvielfalt der Savanne wissenschaftlich zu erkunden und die Sinnhaftigkeit eines mit Grenzen abgesteckten Naturreservats zu hinterfragen.

Mag „Serengeti …“ auch der bekanntere von beiden sein – sein Vorgänger ist für all jene, die sich für die Artenvielfalt interessieren, sicherlich der bessere Film. Das mag daran liegen, dass die Grzimeks bei ihrem zweiten Abenteuer sehr viel häufiger sichtbar in die Natur und die Inszenierung eingreifen. Ersteres, um zu zeigen, wie sie an wissenschaftlich fundierte Daten kommen möchten. Zweitens, um dem Bericht eine Narrative zu geben. Verwerflich ist dies nicht, nur stehen somit an manchen Stellen die Filmemacher mehr im Mittelpunkt als die Natur, die sie beschützen wollen. Angesichts der persönlichen Tragödie von Vater Grzimek während der Dreharbeiten allerdings nachvollziehbar.

Dem Anliegen der Naturschützer schadet dies jedoch nicht. „Kein Platz …“ sowie „Serengeti …“ sind auch 60 Jahre später noch faszinierende und äußerst informative Dokumentationen, denen die Liebe der Macher zum Thema in jeder Einstellung anzusehen ist. Das verzeiht auch die eine oder andere, der Zeit geschuldeten Formulierung über Afrikaner. Die neue HD-Abtastung kommt den Filmen zugute, gleichwohl die Möglichkeiten des Blu-ray-Mediums leider nicht ausgenutzt werden: Untertitel für den informativen Off-Kommentar sucht man vergebens.

Die Blu-ray bietet beide Dokus in deutscher und englischer Sprachfassung (beides bezogen auf den Off-Kommentar). Untertitel sind nicht vorhanden. Als Extra gibt es ein Fotoarchiv sowie, auf der Innenseite des Covers, Informationen zu Grzimek und die Filme. Die Blu-ray „Serengeti darf nicht sterben“ / „Kein Platz für wilde Tiere“, die beide auch weiterhin auf DVD erhältlich sind, erscheint bei Universal Music Family Entertainment/Karussell und ist seit 19. Mai 2017 erhältlich. (Packshot: © Universal Music Family Entertainment/Karussell)