Heimkino-Tipp: „Die Macht des Bösen“ (2017)

The Man with the Iron Heart

Schon viele Regisseure haben sich an der Thematik des Nazi-Regimes abgearbeitet. Neben Filmen, die dies lediglich als Hintergrund nutzen, um spannende Spionage-und/oder Actionabenteuer zu erzählen (z.B. der Klassiker „Agenten sterben einsam“, 1968), gibt es unzählige ‚ernste‘ Auseinandersetzungen mit dem Dritten Reich bzw. den Ereignissen jener dunklen Zeit. Da erstaunt es schon, dass es auch ca. 80 Jahre später noch immer historisch bedeutsame Personen gibt, die noch nicht im Mittelpunkt eines Films standen. Um falsche Interpretationen auszuschließen: Mit „bedeutsam“ ist in diesem Fall lediglich deren Tun gemeint, das einen traurigen aber wichtigen Wendepunkt der Geschichte darstellt.

Bei dem Nationalsozialisten Reinhard Heydrich war dies vor allem ein Ereignis im Januar 1942: Die von ihm einberufene Wannseekonferenz konkretisierte die „Endlösung der europäischen Judenfrage“ und organisierte den bereits begonnenen Holocaust an den Juden. Was folgte, war die Ermordung von über sechs Millionen Menschen.

Der Film „Die Macht des Bösen“ des französischen Regisseurs Cédric Jimenez („Der Unbestechliche“, 2014) basiert auf dem historischen Roman „HHhH“ seines Landsmanns Laurent Binet aus dem Jahre 2010. Der seltsame Titel des Buchs zitiert eine Formulierung, die angeblich von den Nazis selbst gebraucht wurde: „Himmlers Hirn heißt Heydrich“, was darauf anspielt, dass Heydrich die treibende Kraft hinter Heinrich Himmler, nach Hitler einer der einflussreichsten Nazi-Funktionäre während der braunen Terrorherrschaft, war. Ein Strippenzieher sozusagen, der für das Funktionieren der Diktatur eminent war.

Nun ist der Film jedoch nicht nur ein Porträt des Verbrechers. Der Film ist ebenso die Geschichte seiner Attentäter, den tschechischen Widerstandskämpfern Jozef Gabčik und Jan Kubiš. Während die erste Hälfte des 120-Minüters Heydrichs Aufstieg und Machtausübung beschreibt, fokussiert die Handlung anschließend die Vorbereitung, Durchführung und die Folgen des zunächst scheinbar misslungenen Attentats. Heydrich erlag acht Tage später seinen Verletzungen.

Wenn Jimenez’ Film eines nicht ist, dann zurückhaltend. Ohne Beschönigung und mit nur schwer zu ertragender Deutlichkeit zeigt er das emotionslose Denken, Foltern und Töten von Heydrich und seinen Mitläufern/Untergebenen/Nazi-Schergen. Der Streifen wirkt dabei fast schon wie geschmackloser Torture-Porn, der sich daran labt, eine Scheußlichkeit auf die nächste zu stapeln. Ein wenig Recherche im Internet hat jedoch ergeben, dass einzelne Verhörszenen, die real stattgefunden haben, für den Film sogar noch abgeschwächt wurden, da die von den Nazis verübte Grausamkeit schlicht nicht abbildbar ist. Inhaltlich interessant ist während des ersten Teils die Rolle von Heydrichs Frau Lina: Sie – und auch das ist historisch belegt – brachte ihrem Gatten den Nationalsozialismus erst nahe und war maßgeblich an seiner „Karriere“ beteiligt.

Die dann an späterer Stelle zu sehenden Vorbereitungen von Heyrichs Gegnern sind hingegen geprägt vom spannenden Zusammenspiel von ständiger Bedrohung, dem Wunsch nach Beendigung der deutschen Besatzung und vom Überlebenswillen der Verschwörer, denen sehr wohl die Tragweite ihrer Aktion bewusst ist. Ein Aspekt, den der Film erfreulicherweise angemessen anspricht. Dass die Rache der Nazis an vermeintlichen Mittätern die Befürchtungen noch übertroffen hat, ist ein trauriger historischer Fakt.

Und genau hier findet sich dann doch noch ein Kritikpunkt an diesem ansonsten mit großem Können, großen Budget und großer Schauspielkunst (Jason Clarke, Rosamund Pike, Jack O’Connell, Jack Reynor, Mia Wasikowska) gut umgesetzten Drama: „Die Macht des Bösen“ gibt sich mit einer nüchternen Nacherzählung der Ereignisse zufrieden, lässt das Handeln auf beiden Seiten unkommentiert und bleibt neutral. Das mag im ‚Normalfall‘ lobenswert sein, angesichts der hier noch einmal dokumentierten unmenschlichen Dinge, die weit weit weg vom Normalen sind, wäre eine klarere Haltung gegen den Nationalsozialismus und seinen Unterstützern aber gerngesehen gewesen. Denn die Macht des Bösen, der dunklen Seite, ist verführerisch und – wie der Film über weite Strecken verdeutlicht – leider oftmals von Erfolg gekrönt.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es ein Making of, eine Bildergalerie, Interviews sowie Trailer. „Die Macht des Bösen – The Man With The Iron Heart“ erscheint bei New KSM Cinema und ist seit 17. Mai 2018 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © KSM GmbH)

... im Nachgang: „Lady Bird“ (Kinostart: 19. April 2018)

Die Schauspielerin Greta Gerwig versucht sich bei »Lady Bird« erstmals als alleinige Regisseurin. Gar nicht mal so schlecht, wie ich finde. Ein lesenswertes Streitgespräch dazu findet ihr HIER. Von mir stammt der erste Teil des Textes.

(Plakat: © 2017 Universal Pictures International Germany GmbH)

Heimkino-Tipp: „Der Kurier“ (2018)

Abgestürzt

Das Konzept ist einfach aber effektiv: In Filmen wie „Nicht auflegen!“ (2002), „No turning back“ (2013) und „All is lost“ (2013, Rezi HIER) fokussiert die Handlung jeweils nur eine Figur, die während der gesamten Laufzeit an nur einem Ort ‚gefangen‘ ist und mit Situationen konfrontiert wird, die ihr Leben nachhaltig beeinflussen. „Der Kurier“ nutzt dieses räumlich begrenzte Szenario ebenso, kann aber zu keinem Moment mit den Vorbildern mithalten.

Das ist in diesem Fall aber keineswegs dem Hauptdarsteller anzukreiden: Daniel Radcliffe versucht nach besten Kräften, der simplen Story und weitgehend höhepunktlosen Inszenierung ein paar Momente abzugewinnen, doch wo nichts ist, kann auch nichts erblühen. Er spielt den titelgebenden „Kurier“ Sean, der in einem undankbaren Deal verwickelt ist, bei dem er der Drogenbekämpfungsbehörde (DEA) beim Hochnehmen eines Drogenkartells helfen soll. Dazu muss er eine Kokainlieferung via Flugzeug über die mexikanisch-amerikanische Grenze ‚schmuggeln‘ und so der DEA den Standort der Bösewichte verraten. Den Landeplatz für seine Maschine erfährt Sean erst während des Fluges. Um ihn unter Druck zu setzen, entführen die Bösewichte seine Frau Jen (Grace Gummer, Tochter von Meryl Streep) – und natürlich verläuft nichts nach Plan.

Mag die Idee eines unfreiwilligen Drogenkuriers, der sich aus persönlichen Gründen zu solch einer gefährlichen Aufgabe überreden lässt – in diesem Fall ist es die kostenintensive Krebsbehandlung seiner Liebsten – nachvollziehbar sein, Spannung kann Regisseur Jesper Ganslandt daraus leider nicht generieren. Auch wenn das Budget ganz offensichtlich begrenzt war, hätte dem Film ein wenig mehr Kreativität bei der Umsetzung gutgetan. Ganslandt verfrachtet sein Publikum von Minute eins an in den Flieger an die Seite seines Protagonisten, lässt ihn mit unterschiedlichen Personen telefonieren und zwischendrin immer wieder verzweifelt auf seine Armaturen schauen. Als nichts wissender Zuschauer verwirrt und langweilt das alles schnell, zumal den ganzen Film über sogar während einer Unterhaltung unangenehm lange Gesprächspausen zwischen den Kommunizierenden herrschen. Absicht? Stilmittel? Oder der amateurhafte Versuch, Suspense zu erschaffen?

Erst nach und nach, zunächst mit Rückblenden, später mit einer parallel stattfindenden Handlung, bricht der Film aus dem Cockpit aus, um auf einen unvermeidlichen Showdown hinzuarbeiten, der dann aber leider ebenso unspektakulär ist wie der Rest zuvor.

Im Nachhinein betrachtet hätte Ganslandt vielleicht einfach auf eine chronologische Szenenabfolge vertrauen sollen. Mit dem (Vor-)Wissen, was für Sean auf dem Spiel steht, wenn er das Flugzeug besteigt, wäre das Interesse an seiner Person und seiner Mission zumindest von meiner Seite aus sehr viel größer gewesen. Ein etwas zackigerer Schnitt und etwa 20 Minuten weniger Laufzeit, und „Der Kurier“ wäre als ordentlicher 70Minüter in Daniel Radcliffes bisher ordentliche Filmografie eingegangen. So aber ist es ein cineastischer Totalausfall.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Extras gibt es Interviews und Trailer. „Der Kurier – In den Fängen des Kartells“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite Entertainment) und ist seit 11. Mai 2018 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Ascot Elite)

Heimkino-Tipp: „Simpel“ (2017)

Das Leben ist nichts für Feiglinge

Ein wunderbares Wortspiel: „Simpel“ ist nicht nur der Titel des Films, sondern auch eine weder sarkastisch noch böse gemeinte Bezeichnung für das Gemüt des 22-jährigen Barnabas, der geistig zurückgeblieben ist. Ebenso ist ‚Simpel‘ sein Ruf- und Spitzname. Er und sein älterer Bruder Ben stehen Mittelpunkt einer herzerwärmenden Geschichte, die sich leichtfüßig Themen wie Verantwortung, familiäre Bande und Pflichten sowie tiefer (Geschwister-)Liebe widmet.

Simpel (David Kross) und Ben (Frederick Lau) werden vom Tod ihrer Mutter eiskalt erwischt. Obwohl er sich zuvor schon aufopferungsvoll um seinen behinderten Bruder gekümmert hat, weiß Ben, dass es nun noch etwas schwieriger wird. Zumal er pflegebedingt nur hin und wieder einer Arbeit nachgehen kann und ihr Vater, der sich schon vor vielen Jahren abgesetzt hat, nun entscheidet, Simpel in eine Betreuungseinrichtung einzuweisen. Zähneknirschend akzeptiert Ben die Anordnung – nur um im entscheidenden Moment einzugreifen: Er kapert den Polizeiwagen, der Simpel zum Heim bringen sollte, entledigt sich der übrigen Fahrgäste und düst los. Sein Ziel: Hamburg, wo er Papa davon überzeugen will, dass er, Ben, allein die beste Hilfe für Simpel ist.

Es ist stets eine Gratwanderung, geistig beeinträchtige Charaktere in eine Komödie einzubinden, ohne sich auf ihre Kosten lustig zu machen. Regisseur Markus Goller („Friendship“, „Frau Ella“) inszeniert sein Roadmovie daher eher als Tragikomödie und verzichtet erfreulicherweise auf ausgelutschte Gags, die immer wieder gerne aufgewärmt werden, wenn ein geistig Zurückgebliebener auf die „normale Welt“ trifft. Vielmehr ist der Film an der innigen Beziehung zwischen den Brüdern interessiert, die eben nicht nur eine einseitige Abhängigkeit darstellt. Denn für Ben ist Simpel Lebensinhalt, tägliche Aufgabe, Freudenspender und Abenteuerkumpel zugleich. Als Ben aufgrund diverser Umstände diese Verantwortung unbeabsichtigt entgleitet, wird auch ihm klar, dass er nicht alles allein schaffen kann.

Großen Anteil an dieser spannenden charakterlichen Entwicklung haben drei Figuren, denen Simpel und Ben auf ihrem Trip Richtung Norden begegnen: die Medizinstudenten Aria (Emilia Schüle) und Enzo (Axel Stein, der ohne Blödeln gleich viel überzeugender wirkt) sowie Vater David (Devid Striesow). Besonders seine Rolle ist sehr differenziert angelegt, da er zwar oberflächlich ein egoistisches A-loch ist, aber eben auch auf Bens Wohlergehen bedacht ist. Striesow ist mit dieser Performance einmal mehr ein absoluter Genuss.

Das größte Lob aber gebührt den beiden Hauptdarstellern David Kross und Frederick Lau. Ihr fabelhaftes, unkompliziertes und vor allem bis in die kleinste Nuance professionelles Schauspiel macht diesen Film zu etwas Besonderem – eine Wohlfühlmischung aus Freude, Drama, Anspruch und Spaß.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in original deutscher Sprachfassung sowie als Hörfilmfassung. Untertitel für Hörgeschädigte sind ebenso vorhanden (sehr löblich!). Als Extras gibt es Interviews und Trailer. „Simpel“ erscheint bei Universum Film und ist seit 20. April 2018 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Universum)

Heimkino-Tipp: „Hands of Stone“ (2016)

Raging Bull

Der aus Panama stammende Roberto Durán gilt als einer der besten Boxer aller Zeiten. Seine Karriere ist eine bemerkenswerte Ansammlung von sportlichen Höhen und Tiefen und daher prädestiniert für eine filmische Aufarbeitung. Jonathan Jakubowicz, ein Regisseur und Drehbuchautor venezuelischer Abstammung, hat sich dieser Aufgabe mit „Hands of Stone“ nun angenommen.

Sein Film widmet sich besonders jener Zeit, in der Durán, dargestellt von Edgar Ramirez, von Trainerlegende Ray Arcel (Robert De Niro) gecoacht wurde. Der arbeitete im Laufe seiner langen Trainertätigkeit mit 20(!) Boxweltmeistern zusammen. Zweifellos eine interessante Kombination, die der hektisch inszenierte Film jedoch nie ganz zu fassen kriegt. Ein Grund dafür mag sein, dass die zwei Stunden Laufzeit vollgepackt sind mit Episoden aus Duráns Leben, die für sich allein schon allesamt erzählenswert sind, hier aber ohne einen geeigneten dramaturgischen Rahmen aneinandergereiht werden. So gibt es hier ein wenig Kindheit, dort etwas Romantisches, zwischendrin familiäres (Un-)Glück und hin und wieder einen Boxkampf. Das ist in der Tat alles mit Können auf die Leinwand gemalt, wirkt in großen Teilen jedoch lediglich wie eine im Überschwang zusammengestellte Power-Point-Präsentation, die unbedingt vermeiden will, auch nur eine Sekunde zu langweilen.

So wird die Bedeutung einzelner Ringduelle für Duráns Karriere und Leben nie wirklich deutlich. Das schmerzt besonders bei seinen Fights gegen Sugar Ray Leonard (gespielt vom Musiker Usher), die noch heute zu den außergewöhnlichsten des Boxsports zählen. Sie ragen im Film weder dramaturgisch noch optisch wirklich heraus. Zumindest ist Regisseur Jakubowicz in diesem Punkt konsequent: Ebenso oberflächlich wie die Handlung präsentiert er die Matches – schnell geschnitten, zeitlich sehr gerafft und fast ausnahmslos in unmittelbarer Nähe seiner Schauspieler gefilmt, sodass beim Zuschauen ein Blick aufs ‚große Ganze‘ verwehrt bleibt.

Dafür kann „Hands of Stone“ an anderer Stelle überzeugen: In der Hauptrolle liefert Alleskönner Ramirez („Che“, „Carlos“, „Point Break“) eine Glanzleistung ab und beweist erneut seine beeindruckende Vielseitigkeit, während Kollege Usher als sein wichtigster Opponent angenehm zurückhaltend agiert und wider Erwarten keine Fehlbesetzung ist. Mit der Verpflichtung von Robert De Niro aber ist Jakubowicz ein absolutes Meisterstück gelungen. Nicht unbedingt wegen dessen Performance – De Niro spielt Rollen wie diese aus dem Effeff –, sondern weil seine Mitwirkung unweigerlich Erinnerungen an seine Oscar-prämierte Rolle in „Wie ein wilder Stier“ (1980) weckt, die Filmgeschichte geschrieben hat. Mag es „Hands of Stone“ im direkten Vergleich zu diesem cineastischen Meisterwerk an Raffinesse und Tiefgang fehlen, als unterhaltsamer und kurzweiliger Boxerfilm überzeugt er allemal.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Extras gibt es ein informatives Making of (seltsamerweise bezeichnet als „Interviews“), gelöschte Szenen sowie Trailer. „Hands of Stone“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite Entertainment) und ist seit 20. April 2018 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Ascot Elite)

Heimkino-Tipp: „Gun Shy“ (2017)

Despershito

Oha! Meine verehrten LeserInnen, das nun rezensierte Werk könnte eines Tages als Klassiker gelten. Nicht im Sinne eines „Big Lebowski“ oder „Fear and Loathing in Las Vegas“, sondern eher als Geschwisterchen von (unbeabsichtigten) Trashgranaten wie „Showgirls“ und „The Room“. Filme also, die auf ihrem Weg zum Kunstwerk eine oder mehrere falsche Abzweigungen genommen haben und in ihrer Endfassung derart sonderbar anmuten, dass sie nur mit gequältem Grinsen und Kopfschütteln durchzustehen sind. Der Gewinner des Monats April: „Gun Shy“.

Die Idee zu dieser an sich witzigen Geschichte hatte das Autorengespann Toby Davies und Mark Haskell Smith. Ihr Ansinnen: Einen einstigen Rockstar, der sich in seinem selbstgewählten Ruhestand hauptsächlich von Bier und dem Ruhm vergangener Tage ernährt, in ein turbulentes Abenteuer zu verwickeln, das auf witzige Weise sowohl den Narzissmus einiger Musiker als auch Agentenfilme persifliert. Mit Antonio Banderas und Olga Kurylenko in den Hauptrollen sowie Simon West („Tomb Raider“, „The Expendables 2“) als Regisseur durchaus prominent besetzt, hätte das Experiment eigentlich funktionieren können. Eigentlich.

Turk Henry (Banderas) genießt das entspannte Leben eines Bad Boys a.D. und würde sein schniekes Anwesen am liebsten nie verlassen. Seine hübsche Gattin, das ehemalige Supermodel Sheila (Kurylenko), hat jedoch anderes im Sinn und schleppt ihn zum Erlebnisurlaub in ein Hotel nach Chile. Während er dort am Pool rumgammelt und nur über das Wort Bier Freundschaft mit einem einheimischen Jungen schließt, unternimmt Sheila eine Tour ins Umland – und wird prompt entführt. Als den Kidnappern klar wird, wessen Frau sie da in ihrer Hütte gefangen halten, fordern sie eine Million Dollar Lösegeld. Das könnte Turk im Nu zahlen, wäre da nicht ein überambitionierter amerikanischer Agent namens Harding (Mark Valley), der dies untersagt. So muss Turk sich etwas anderes einfallen lassen, um seine große Liebe lebendig wiederzubekommen.

Dass Antonio Banderas ein fabelhafter Schauspieler ist, hat er schon lange vor seinen Sprung nach Hollywood in mehreren Filmen von Pedro Almodóvar bewiesen. Was er auch gut kann, ist overacting. Das passt per se wunderbar zu diesem an vielen Stellen ganz offensichtlich überzeichneten Skript. Nur zünden wollen die Gags irgendwie nicht. Kurylenko kann sich noch am besten verkaufen, übertreibt es aber an manchen Stellen ebenso. Den Vogel schießt jedoch Mark Valley ab, dessen Performance jeden Comedy-Auftritt von Nicolas Cage in den Schatten stellt. Leider befürchte ich, das war nicht Valleys Absicht.

Hier zeigt sich, wie unbrauchbar Regisseur West als Darsteller-Dirigent ist. Statt seine Helfer vor der Kamera zu zügeln, lässt er sie vollkommen von der Leine und verwechselt Amüsement mit Hampelei. Wenn er dann auch noch einen seiner besten Gags aus „Con Air“ quasi mit Ansage zitiert (oder besser: ideenlos nachstellt), ist’s mit dem Wohlwollen zumindest bei mir vorbei.

Seicht, zahnlos und in nur ganz wenigen Momenten witzig: „Gun Shy“ könnte glatt als TV-Movie durchgehen, das alle Beteiligten aus Spaß an der Freude nebenbei abgedreht haben. Gibt’s jede Woche zuhauf auch im deutschen Fernsehen zu bestaunen/zu erleiden. Daher meine Empfehlung für Banderas, Kurylenko, West & Co.: „Gun Shy“ ganz schnell aus euren Lebensläufen entfernen! Sonst findet ihr euch demnächst bei Kalkofes „SchleFaZ“ wieder.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Extras gibt es Trailer. „Gun Shy“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite Entertainment) und ist seit 20. April 2018 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Ascot Elite)

Heimkino-Tipp: „Westfront 1918“ (1930) / „Kameradschaft“ (1931)

German Filmkunst

Starten wir mit einer Cineastenfrage: Welche legendären Spielfilme sind untrennbar mit der Thematik Erster Weltkrieg verbunden? „Im Westen nichts Neues“ (1930, Regie: Lewis Milestone) und „Wege zum Ruhm“ (1957, Regie: Stanley Kubrick) sind sicherlich Vielen ein Begriff. Aber neben diesen beiden herausragenden Hollywood-Produktionen gibt es noch ein weiteres Werk, welches wegen seiner drastischen Darstellung der Kriegshandlungen und -folgen vor allem beim zeitgenössischen Publikum für Furore sorgte: „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“.

Regie führte der österreichische Filmemacher Georg Wilhelm Pabst, der zuvor bereits die Schauspielkarrieren von späteren Stars wie Greta Garbo und Leni Riefenstahl (vor ihrer umstrittenen Regisseurslaufbahn) in Gang gebracht hatte und rückblickend als einer der führenden Künstler der „Neuen Sachlichkeit“ im Film gilt. Realismus, eine natürliche Spielweise der Darsteller und echte Sets (oder zumindest echter wirkende Sets) sind Markenzeichen dieser Strömung und in „Westfront 1918“ sowie in größerem Maße auch im ein Jahr später entstandenen „Kameradschaft“ deutlich zu erkennen.

Beide Filme sind in Deutschland nun erstmals auf Blu-ray erhältlich. Qualitativ hervorragend ist dabei nicht nur das Bild und – mit einigen wenigen Abstrichen – der Ton, sondern ebenso das Drumherum: Die sogenannten Mediabooks enthalten die Filme auch als DVD-Version und kommen mit üppigen Booklets daher, die neben interessanten filmhistorischen Informationen etliche Nachdrucke von original Werbematerial sowie Rezensionen enthalten, die parallel zu den Kinopremieren 1930/1931 erschienen. Eine Schatzkiste nicht nur für Cineasten!

„Westfront 1918“, übrigens der erste Tonfilm, den Pabst realisierte, zeigt den Alltag an einem Frontabschnitt irgendwo in Frankreich kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs. Vom Sieg träumt hier keiner mehr, das nackte Überleben ist das einzige Ziel. In endlosen Gräben hocken die Soldaten, über ihnen beständig das Geheul von Granaten und Maschinengewehren. Worum hier eigentlich gekämpft wird, bleibt ungesagt. Ob es für die Beteiligten jemals ein Ende dieser Hölle geben wird, ebenso.

„Kameradschaft“, dessen Titel zunächst einen weiteren Film im militärischen Umfeld vermuten lässt, hat wiederum einen ganz anderen Schauplatz: In einem französischen Bergwerk kommt es zu einem Grubenunglück und 600 Kumpel werden verschüttet. Obwohl aufgrund der einstigen Kriegsfeindschaft noch immer Vorbehalte vorhanden sind, entscheiden sich Bergarbeiter auf der deutschen Seite der naheliegenden Grenze, zum Unglücksort zu fahren und trotz aller (politischer) Hindernisse bei der Bergung ihrer französischen Kollegen mit anzupacken.

Von den vielen künstlerisch bemerkenswerten Aspekten, die beide Werke auszeichnen, sind zwei besonders hervorzuheben: Pabst nutzte die Tonspur, ein Stilmittel, das zur Zeit der Entstehung von „Westfront 1918“ noch etwas Neues war, sogleich optimal: Fast über die gesamte Lauflänge ist Kriegslärm zu hören, ganz so, wie es wahrscheinlich auch die kämpfenden Soldaten an der Front erdulden mussten. Dies verstärkt den zu sehenden Realismus noch zusätzlich und deutet an, wie nervenaufreibend die pausenlose Geräuschkulisse im Schützengraben gewesen sein muss. „Kameradschaft“ hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass der Film zweisprachig gedreht wurde – und Pabst bewusst darauf verzichtete, seinem deutschen bzw. französischen Publikum das Gesprochene im jeweils anderen Land zu übersetzen. Allein die Bilder sollten seiner Meinung nach genügen, um die Geschichte zu transportieren. Ob ihm das gelungen ist, kann der Zuschauer selbst bewerten.

Es wäre schön, wenn diese neue Mediabook-Reihe mit weiteren Filmklassikern fortgesetzt wird. Denn nicht immer ist bei Veröffentlichungen dieser Art die Mühe der Macher so offensichtlich und der Informationsgehalt der Texte/Abbildungen derart groß wie in diesen beiden Fällen.

Die DVDs/Blu-rays bieten die Filme in deutsch bzw. deutsch/französischer Originalsprachfassung sowie optionale Untertitel in englisch/französisch („Westfront 1918“) und deutsch/englisch/französisch („Kameradschaft“). „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“ sowie „Kameradschaft“ erscheinen bei Atlas Film/AL!VE AG und sind seit 13. April 2018 erhältlich. (Packshots: © Atlas Film)