Samstag, 30. September 2017

... im Nachgang: „mother!“ (Kinostart: 14. September 2017)

Bei Werken von Darren Aronofsky ist eines gewiss: sie spalten ihr Publikum – und die Redaktion des Kinokalender Dresden. Ein Pro und Contra zu „mother!“ findet sich HIER. Von mir stammt der Pro-Teil des Textes.

(Plakat: © 2017 Paramount Pictures)

... im Nachgang: „Dunkirk“ (Kinostart: 27. Juli 2017)

Anspruch, Unterhaltung und visueller Bombast - geht das zusammen? Bei Christopher Nolan schon. Bester Beweis dafür ist sein aktuelles Werk „Dunkirk“. Eine Rezension dazu findet ihr HIER. Von mir stammt der Pro-Teil des Textes.

(Plakat: © 2017 Warner Bros.)

Donnerstag, 28. September 2017

Heimkino-Tipp: Lommbock (2017)

(Kein) Gehirnzellenmassaker

Christian Zübert servierte 2001 mit seinem Werk „Lammbock“ nichts weniger als die Jacobs-Krönung einer gelungenen deutschen Komödie. Kultfilm, Zitatenlexikon, Tarantino-Huldigung, Mehmet Scholl-Liebesbekenntnis: Der ungezwungene Spaß um zwei Berufsjugendliche, die sich mit dem heimlichen Verkauf von Marihuana ihren Pizzaservice und ein unbeschwertes Leben finanzieren, hat sich zu Recht über die Jahre hinweg eine treue Fanbase aufgebaut, die den Anhängern von „Trainspotting“ in nichts nachsteht. Und auch Wiederholungstäter Zübert gelingt wie seinem britischen Regiekollegen Danny Boyle mit „T2 Trainspotting“ (Rezi HIER) das Unerwartete: eine Fortsetzung, die genauso korrekt gebaut ist wie das Original.

Wären beide Filme, „T2“ und „Lommbock“, nicht zur gleichen Zeit entstanden, man könnte meinen, Zübert habe sich von Boyle inspirieren lassen: Selber Regisseur, selbe Darsteller, selber Film? Denkste! Vielmehr eine kongeniale Weitererzählung der Alltagsabenteuer von Kai (Moritz Bleibtreu) und Stefan (Lucas Gregorowicz), die zwar 16 Jahre älter, aber keinesfalls vernünftiger geworden sind was ihre liebste Freizeitbeschäftigung angeht. Was mit einem entspannten Kiffernachmittag beginnt, endet im zwar erwartbaren, aber herrlich amüsanten Chaos, das vor allem aufmerksame Kenner des Erstlings belohnt – sei es der kurze Augenkontakt mit einem ganz besonderen Psychiatrie-Patienten oder eine nebenbei fallengelassene Bemerkung über Stefans behinderten Neffen.

Alter, etwa schon wieder eine Fortsetzung nur für Fans? Das ist ja auch okay, ist ja in Ordnung, aber da muss man doch nicht immer stundenlang drüber reden. Warum behandelt so ein Film nicht mal irgendwas Wichtiges? Probleme des Lebens zum Beispiel?!? Zugegeben, eine Komödie mit tagespolitischer Thematik ist „Lommbock“ nicht geworden. Zübert lässt sein Statement zur Welt von heute vielmehr im Subtext mitschwingen: Da sprechen sämtliche Charaktere plötzlich mitten im Satz polnisch miteinander und verstehen sich prächtig, und die Befürchtung, der Stiefsohn könnte ein Terrorist in spe sein, entpuppt sich als unerwartetes Kompliment für Kai: der Teenager eifert lediglich seinem Ersatzpapa nach und vertickt feinstes Dope. Wie Bleibtreu diesen sympathisch überforderten Erziehungsberechtigten gibt, der quasi sein jüngeres Ich zur Vernunft bringen soll, ist äußerst amüsant anzusehen – und beweist Züberts großes Können als Drehbuchautor.

Um es auf den Punkt zu bringen: „Lommbock“ kickt besser als Mehmet Scholl. Der war übrigens vom ersten Teil, in dem er ja eine ganz besondere Lobhudelei erhält, überaus angetan: „Ich hab den Film im Kino gesehen mit einer Mütze auf dem Kopf und bin immer mehr in meinem Sitz versunken. Rein wegen der Dialoge. Dann ging’s ja drum, dass ich so ein Riesenteil hätte und meine Freundin saß daneben und hat gesagt, das ist ja glatt gelogen. Ja, eine skurrile Erfahrung.“ Und eine, die ihm einen absoluten Gourmet-Moment im zweiten Film beschert hat. „Lommbock“: ein voll korrekter Shootie!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung, als Hörfilmfassung sowie optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte (feine Sache!). Als Bonus gibt es einen Audiokommentar von Regisseur Zübert, Making of-Clips, Teaser und Trailer. „Lommbock“ erscheint bei Wild Bunch Germany GmbH/Universum Film und ist seit 29. September 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © Wild Bunch/Universum)

Montag, 25. September 2017

Heimkino-Tipp: „Man Down“ (2015)

Der durch die Hölle geht

Sieben Britische Pfund. Ein verkauftes Kinoticket. Dieses Schicksal ereilte Regisseur Dito Montiel und seinen Film „Man Down“ am Eröffnungswochenende in Großbritannien. Das schmerzt schon allein beim Lesen. Denn egal wie durchwachsen das Endprodukt auf der Leinwand sein mag, die Mühe und Arbeit, die ein Film für seine Entstehung fordert, ist definitiv mehr wert als dieses magere Einspiel – auch wenn der Film landesweit in nur einem Kino gezeigt wurde.

Es fällt schwer, diese Info auszublenden, wenn man „Man Down“ anschaut. Einerseits, weil nach jeder geglückten Szene – und davon gibt es etliche – jener Moment erwartet wird, in dem der Film gegen die Wand fährt. Andererseits, weil eben dieser Moment nicht eintritt und man sich fragt, warum das intensive Drama vom Publikum derart ignoriert wurde. Ja, „Man Down“ ist inhaltlich ungewöhnlich konzipiert und zusammengesetzt. Ja, das präsentierte Thema ist nicht neu und bringt auch keine neuen Erkenntnisse zutage. Und dennoch: Weder ist der Film schlecht gespielt noch dilettantisch umgesetzt. Vielmehr eine, nennen wir es ‚andere‘ Herangehensweise an die Themen Krieg und die Folgen für alle Beteiligten.

Im Mittelpunkt steht der US-Marine Drummer (Shia LaBeouf), der zusammen mit seinem besten Freund Roberts (Jai Courtney) nach Afghanistan geschickt wird und dort Schreckliches erlebt. Zurück in seiner Heimat, muss er feststellen, dass diese nicht nur zerstört, sondern ebenso seine Familie (Kate Mara, Charlie Shotwell) spurlos verschwunden ist. Auf der Suche nach ihnen begegnet er einem Kameraden (Clifton Collins Jr.), der scheinbar mehr weiß, als er preisgeben will.

Regisseur Montiel, der u.a. Robin Williams’ wunderbares filmisches Abschiedsgeschenk „Boulevard“ inszenierte, erzählt Drummers Geschichte aus mehreren verschiedenen Zeitebenen heraus: vor seinem Kampfeinsatz, währenddessen, kurz danach bei einem Gespräch mit Militärpsychologe Peyton (Gary Oldman), sowie nach seiner Rückkehr in die USA. Diese vier Kapitel stellt er mehrfach gegenüber und wechselt somit immer wieder zwischen den Gefühlszuständen seiner Hauptfigur. Dass diese trotzdem wie aus einem Guss wirkt, ist der großartigen Leistung LeBeoufs zu verdanken, der einmal mehr beweist, dass er nicht nur im Privatleben für Aufsehen sorgen kann, sondern ebenso vor der Kamera.

Sicherlich wirkt die Form des Films hier und da etwas zu gewollt anspruchsvoll, das Anliegen Montiels bleibt davon aber unbeschädigt: eine schonungslose Abrechnung mit dem Dienst an der Waffe und eine traurige, wenn auch extreme Bebilderung der negativen Folgen, die stets das ganze Umfeld eines Soldaten betreffen.

„Man Down“ ist ein interessantes filmisches Experiment, toll gespielt und mit einer (altbekannten) Message, an die aber heute, in Zeiten dumpfer Kriegspolemik von einflussreichen Politikern weltweit, mehr denn je erinnert werden muss.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es eine Bildergalerie sowie Trailer. „Man Down“ erscheint bei New KSM und ist seit 25. September 2017 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © KSM GmbH)

Dienstag, 12. September 2017

„Das Löwenmädchen“ (Kinostart: 14. September 2017)

Zahmes Kätzchen

Geschichten über Außenseiter, die einen psychischen oder physischen Makel tragen, sind im Kino häufig zu finden. Oftmals können sie als Spiegelbild für eine Gesellschaft dienen, die sich mit der Akzeptanz von Andersartigkeit, egal ob äußerlich sichtbar oder nicht, schwer tut. Gerade in Zeiten großer Flüchtlingsströme ist es wichtig, Themen wie diese anzusprechen und gern auch streitbar zu diskutieren. Die Verfilmung des Romans „Löwenmädchen“ von Erik Fosnes Hansen hätte all dies sein und bieten können. Leider ist das finale filmische Werk davon jedoch weit entfernt.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wird der ältere Bahnhofs-Stationsmeister Gustav (Rolf Lassgård) Vater einer Tochter. Nur schwer kann er verschmerzen, dass ihm die Geburt seine junge Frau nahm. Noch schwerer ist es für ihn jedoch, das Kind zu akzeptieren. Denn die kleine Eva ist am ganzen Körper behaart. Nicht mit einzelnen, feinen Härchen, sondern komplett von Kopf bis Fuß mit einem dicken „Fell“. Nach anfänglicher Weigerung, sich des Mädchens anzunehmen, engagiert er ein Kindermädchen namens Hannah (Kjersti Tveterås), das sich fortan um Eva kümmert. Sie wächst heran, ist neugierig und offenbar sehr gescheit. Doch zur Schule oder vor die Tür gehen darf sie nicht. Erst nach und nach gelingt es Hannah, Gustav vom Gegenteil zu überzeugen. Und so lernt Eva schließlich doch noch die Welt vor dem Fenster kennen – aber leider auch die Menschen, die ihr erwartungsgemäß mit einer Mischung aus Verwunderung und Abscheu begegnen.

Regisseurin Vibeke Idsøe („Karlsson vom Dach“) hat für ihre Adaption einen großen Trumpf: fantastische Schauspieler. Neben den Jungdarstellerinnen Aurora Lindseth-Løkka (Eva mit 7 Jahren), Mathilde Thomine Storm (Eva mit 14) und Ida Ursin Holm (Eva mit 23) ist es vor allem Lassgård („Wallander“, „Ein Mann namens Ove“, Rezi siehe HIER), dessen Auftritt sich einbrennt. Er darf in „Das Löwenmädchen“ auch den mit Abstand interessantesten Charakter geben, schwankt sein Gustav doch über mehrere Jahre zwischen überforderter, misshandelnder und fürsorglicher Vaterfigur. Im Gegensatz dazu kommt beispielsweise Hannah, die lange Zeit bei / mit ihm wohnt, über die Rolle einer Stichwortgeberin nicht hinaus. Ihr Innenleben bleibt dem Zuschauer ebenso verborgen wie das von Eva, die von ihrem Vater unter anderem immer wieder in eine Art Besenkammer gesteckt wird, wenn er ihrer überdrüssig ist. Hier wäre mehr psychologischer Tiefgang wünschenswert gewesen.

Ähnlich verhält es sich mit den Episoden, in denen Eva von anderen Menschen beleidigt, unsittlich berührt oder schlicht wie ein Forschungsobjekt behandelt wird. Nichts scheint sie emotional wirklich zu treffen. Wenn dann völlig unvermittelt mitten im Film ein kurzer Off-Kommentar von ihr zu hören ist, stellt sich die Frage, welche Position die Regisseurin ihren Zuschauern eigentlich zugestehen will: die des stillen Beobachters oder die des Mädchens?

Im krassen Gegensatz zur gemächlichen Darstellung der abgeschotteten Kindheit rauscht der Film im letzten Drittel plötzlich wie ein Zug durch die Stationen von Evas weiterem Leben. Konflikte, denen sie sich als Erwachsene wahrscheinlich sehr viel selbstbewusster stellt als noch als Kind, werden ausgespart, Fragen der gesellschaftlichen Akzeptanz nicht gestellt. Das sind inhaltlich schmerzvoll verpasste Chancen, die den Eindruck verstärken, dass Idsøe eher einen Wohlfühlfilm drehen wollte, als sich ernsthaft mit dem Thema Ausgrenzung und Andersartigkeit auseinanderzusetzen. Das ist legitim, ohne Frage, aber im Falle von „Das Löwenmädchen“ völlig verschenkt.

(Plakat + stills: © 2017 NFP marketing und distribution/Christine Schröder)

Montag, 28. August 2017

Heimkino-Tipp: „The Founder“ (2016)

Der Burger-King

Als Kind der DDR kann ich mich noch sehr lebhaft an meinen ersten Hamburger erinnern: Spendiert bekommen vom großen Bruder an einem Straßenstand (heute nennt man sowas Foodtruck), der vor dem Hauptbahnhof in Dresden parkte. Allerdings war es nicht das verstörende Clownsgesicht von Ronald McDonald, das mich dabei anlächelte, sondern ein Mitarbeiter von Burger King. Es war ganz nebenbei die erste Filiale des Unternehmens, die in den neuen Bundesländern eröffnet wurde (1990).

So schön diese persönliche Erinnerung auch sein mag, sie ist natürlich nichts im Vergleich zum Schicksal der Gebrüder McDonald, die das heute so beliebte Konzept des Schnellrestaurants Ende der 1940er-Jahre erfanden und in ihrem Laden perfektionierten. Nichts deutete damals darauf hin, dass daraus einmal eines der bekanntesten und weltweit erfolgreichsten Franchise-Unternehmen werden sollte, das 70 Jahre später noch immer schwarze Zahlen schreibt. Zu „verdanken“ ist dies Ray Croc, einem mittelmäßig erfolgreichen Vertreter für Milchshake-Mixer, der in dem zeitsparenden und effizienten Küchenkonzept der McDonald-Jungs eine lukrative Investitionsmöglichkeit sah.

Das Drama „The Founder“ erzählt diese weitgehend unbekannte Episode der Unternehmensgeschichte auf sympathisch unaufgeregte Weise nach. Als Ray Croc brilliert dabei Michael Keaton, der ja in den vergangenen Jahren eine Art zweite Karriere startete – und auch hier wieder beweist, wie gerechtfertigt dies ist. Ihm gelingt es wunderbar, seine Figur vom bedauernswerten Loser zum eiskalten Geschäftsmann zu wandeln, ohne dabei alle Sympathien beim Zuschauer zu verlieren.

Großen Anteil daran hat zweifellos das großartige Skript von Robert Siegel („The Wrestler“). Es erzählt die Geschichte zunächst aus der Sicht von Croc, der ohne rechten Erfolg durch die Städte zieht, um seine Ware an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. Nur ein potenzieller Kunde scheint an seinen Mixgeräten interessiert zu sein: Dick McDonald (Nick Offerman) und dessen Bruder Mac (John Carroll Lynch) bestellen gleich acht seiner Geräte, was Croc stutzig macht. Um mehr zu erfahren, besucht er das kleine, aber erfolgreiche Restaurant – und lernt so das Erfolgsrezept der Familie McDonald kennen. Frustriert von seinem bisher unerfüllten Job und überzeugt davon, „McDonalds“ in ganz Amerika bekannt zu machen, überredet er die Geschwister zu einem Franchise-Vertrag. Das Konzept scheint zu funktionieren. Bis Croc seine kapitalistische Ader entdeckt und mehr Profit machen will. Dazu muss er jedoch die im Vertrag vereinbarten Regeln brechen.

Was möglicherweise trocken und wenig spannend klingt, entpuppt sich in Filmform als messerscharfe Analyse des „American Dream“ – und dessen Schattenseiten. Ohne Übertreibungen oder hollywoodeske Schönmalerei verdeutlicht „The Founder“, wie der Wunsch nach Erfolg gepaart mit finanziellen Engpässen und den Versuchungen des Ruhms eine unheilvolle Melange ergeben können, die nur einen Gewinner und viele Verlierer übrig lässt. Regisseur John Le Hancock („Blind Side“) dämonisiert dabei Croc zu keiner Zeit, sondern zeigt lediglich, zu welchen Mitteln er bereit ist zu greifen, um sein eigenes Überleben zu sichern. Mag seine Motivation anfangs noch ehrbar gewesen sein, der Kapitalismus sorgt letztendlich dafür, dass er sukzessive zu einem eiskalten Businessman wird. Das Bedenkliche: der Erfolg gibt ihm Recht.

Die Qualitäten von „The Founder“ liegen neben den herausragenden Darstellern (u.a. noch Laura Dern, Patrick Wilson und Linda Cardellini) in der erfrischend ruhigen Inszenierung und dem Verzicht auf großes Drama. Das spielt sich vielmehr in etlichen kleinen Szenen ab, die punktgenau jene psychologischen Grenzen aufzeigen, die es zu überschreiten gilt, um ganz nach Oben zu kommen.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es kurze (Werbe-)Featurettes sowie Interviews. „The Founder“ erscheint bei Splendid Film GmbH und ist seit 25. August 2017 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Splendid Film GmbH)

Sonntag, 27. August 2017

Heimkino-Tipp: „Verleugnung“ (2016)

Wider dem rechten Stumpfsinn

In den vergangenen Monaten war auf der allwissenden IMDb, der globalen Filmdatenbank im Netz, ein interessantes Phänomen zu beobachten: Der Film „The Promise“ (dt. Kinostart: 17. August 2017) erhielt lange vor seiner offiziellen Veröffentlichung miserable Bewertungen. Zwar war das Werk bereits auf einigen Festivals aufgeführt worden, angesichts der Starpower (u.a. Christian Bale, Oscar Isaac, sowie Oscar-Preisträger Terry George („Hotel Ruanda“) auf dem Regiestuhl) und der limitierten Sichtungsmöglichkeiten verwunderte diese Masse an Negativurteilen schon. Ein Blick auf die Thematik des Films könnte eine Erklärung bieten. „The Promise“ erzählt eine Geschichte während des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich Anfang des 20. Jahrhunderts. Etwas, was sich die türkische Regierung als Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs bis heute nicht eingestehen will. Womöglich sind also Verfechter dieser Ansicht für das schlechte Abschneiden auf der IMDb verantwortlich. Ein Schicksal, das „The Promise“ übrigens mit Fatih Akins sehenswertem „The Cut“ (2014, LINK) teilt.

Wozu diese kleine Exkursion? Das Drama „Verleugnung“ von Mick Jackson („Bodyguard“) greift einen anderen, wahren Fall auf, bei dem sich ebenfalls ein Mann weigert(e), historische Fakten anzuerkennen. Der Brite David Irving stellte den Holocaust der Nationalsozialisten mehrfach infrage und strengte Mitte der 1990er-Jahre einen Prozess gegen die US-amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt an, die ihn verleumdet habe. Tatsächlich hatte sie in ihrem Buch „Betrifft: Leugnen des Holocaust“ lediglich Aussagen von und über ihn zitiert, die ihn als Geschichtsrevisionist ausweisen. Irving wollte nun den weiteren Verkauf ihres Buches unterbinden. Die Folge: Sie musste vor Gericht ihre Aussagen legitimieren – er hingegen konnte weitere „Beweise“ für seine absurde These vortragen.

Der prominent besetzte Film „Verleugnung“ stellt die Vorbereitungen und den Verlauf des Prozesses aus Sicht von Lipstadt, der Angeklagten(!), nach. Rachel Weisz gibt die Wissenschaftlerin als selbstbewusst auftretende Frau, die sich einerseits mit den Spielregeln eines Gerichtsprozesses arrangieren muss, andererseits nicht nur aufgrund ihrer eigenen Familiengeschichte die Lügen ihres Gegners (Timothy Spall) ein für alle Mal entlarven will. An ihrer Seite kämpfen zwei erfahrene, aber in ihren Vorgehensweisen sehr spezielle Juristen, Anthony Julius (Andrew Scott) und Richard Rampton (Tom Wilkinson).

Regisseur Jacksons Werk ist ein zweischneidiges Schwert: Zwar nähert er sich den realen Ereignissen akkurat und ohne ablenkendes Beiwerk an, doch vielen Szenen ist anzusehen/anzumerken, dass die Macher auf Nummer sicher gehen wollten. So wird Spalls Irving von Beginn an als Unsympath, Provokateur und erzkonservativer Mensch ins Bild gerückt, sodass eine objektive Bewertung seiner kruden Aussagen seitens der Zuschauer überflüssig wird. Positiv hervorzuheben ist die detaillierte Darstellung der Verteidigung, die sachlich Irvings Scheinargumente widerlegt. Weniger schön ist die (legitime, aber sehr durchschaubare) Nutzung diverser filmischer Mittel, um gewünschte Stimmungen beim Filmpublikum zu erzeugen. Hinzu kommt ein immer wieder durchschimmernder satirischer Blick auf die Mechanismen der britischen Justiz, der angesichts des ernsten Themas leicht befremdlich wirkt.

„Verleugnung“ ist ein formal durchschnittlicher Film, der inhaltlich aber überzeugt und in Zeiten von Lügen verbreitenden, ketzerischen und scheinbar unbelehrbaren Verschwörungstheoretikern weltweit aktueller nicht sein könnte.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche und deutsche Untertitel für Hörgeschädigte sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es Interviews. „Verleugnung“ erscheint bei Square One/Universum Film und ist seit 25. August 2017 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Square One/Universum)

Dienstag, 22. August 2017

Heimkino-Tipp: „Moonlight“ (2016)

Boyhood

Es soll ja Leute in Deutschland geben, die sich extra einen Urlaubstag gönnen, um Jahr für Jahr in der letzten Februarnacht die Oscar-Verleihung live anschauen zu können – der Autor dieser Zeilen beispielsweise. Keine leichte Aufgabe: Zunächst gilt es, die Peinlichkeiten diverser TV-Reporter am roten Teppich zu ertragen, anschließend müssen mehrere Stunden an Werbeblöcken überstanden werden, die die Gala ab und zu unterbrechen. Erst ganz am Ende kommen die dicken Fische dran, die „wichtigsten“ Preise des Abends, u.a. für die Hauptdarsteller/innen, die Regie, den „Besten Film“. Und dann das Jahr 2017! Nie zuvor wurde das stundenlange Wachbleiben bis kurz nach 6 in der Früh so unterhaltsam belohnt: ein vertauschter Umschlag, ein verwirrter Warren Beatty und ein falsch ausgerufener Gewinner („La La Land“) für die Königskategorie, eben jene für den „Besten Film“. Was für ein schönes Chaos!

Natürlich wäre es schön, wenn Barry Jenkins’ Drama nicht nur wegen dieser, in der Geschichte der Oscars (bisher) einmaligen Verwechslung in Erinnerung bleiben würde. Denn vieles ist an „Moonlight“ tatsächlich außergewöhnlich: das niedrigste Produktionsbudget, das je ein Oscar-Gewinner-Film hatte ($1,5 Millionen); der erste Oscar-prämierte Film zum Thema Homosexualität, der eine rein schwarze Besetzung hat; der Schauspieler Mahershala Ali, der als erster Muslim überhaupt einen jener begehrten Goldjungen erhielt.

Der Film erzählt vom Erwachsenwerden eines Jungen namens Chiron in einem Problembezirk in Miami. Während er zu Hause mit seiner drogensüchtigen Mutter (Naomie Harris) und in der Schule mit mobbenden Mitschülern zu kämpfen hat, wird er sich sukzessive seiner homosexuellen Identität bewusst, hält diese aber weitestgehend geheim. Zuflucht findet er bei einem Drogendealer (Ali), der für ihn zum Vaterersatz wird und in seinem Verhalten auch Jahre später noch prägt.

Etliches in „Moonlight“ entspricht nicht gängigen Erwartungen: Es gibt Drogenopfer, aber keine Schießereien, harte Jungs, aber ‚nette‘ Kriminelle, und vor allem – trotz zeitlich passendem Rahmen – keine Schwulendisco-Szenen mit „I will survive“-Karaoke, stattdessen einen gefühlvollen musikalischen Mix aus Hip Hop, Soul und Motown-Klassikern.

Und doch wirkt die Geschichte wie eine im Kino schon oftmals erzählte: das harte Umfeld in Kindertagen, geprägt von psychischer Gewalt und Einsamkeit, die Adoleszenz zwischen Unsicherheit und Wut, das Mann-Sein mit unterdrückter Homosexualität. Was bliebe an „Moonlight“ erinnerungswürdig, wäre der Film zwar in einem ähnlichen sozialen Umfeld, aber nicht in einer schwarzen Community angesiedelt? Das Wort Klischee trifft es nicht ganz, doch bekannte Versatzstücke aus thematisch ähnlichen Werken sind hier in vielen Szenen zu entdecken. Aber vielleicht braucht jede Generation einfach ihren eigenen „Moonlight“, sind es doch immer wieder ähnliche Kämpfe, die Teenager während des Erwachsenwerdens austragen müssen.

Zwar ist auch die von Regisseur Jenkins gewählte Form dieser „Manns-Werdung“ nicht neu – drei Schauspieler (Alex Hibbert, Ashton Sanders, Trevante Rhodes) porträtieren Chiron in unterschiedlichen Lebensphasen. Doch was die Darsteller hier zeigen, ist wahrlich phänomenal. Umso mehr, da sich die drei laut Jenkins während der Dreharbeiten nie begegneten. Wie sie ihre Figur über beinahe 30 Jahre trotzdem aus einem Guss erscheinen lassen, beeindruckt sehr. Wenn „Moonlight“ statt des Oscar-Wirrwarrs also für deren Leistung im cineastischen Gedächtnis bleiben würde, wäre ich versöhnt.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche, französische und italienische Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es ein Making of, Bilder von der Premiere in Berlin sowie einen Audiokommentar des Regisseurs. „Moonlight“ erscheint bei DCM Film Distribution GmbH/Universum Film und ist seit 25. August 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © DCM)

Montag, 21. August 2017

Heimkino-Tipp: „Masterminds“ (2015)

Minimaler IQ, maximale Beute

Es dauert keine fünf Filmminuten bis zum ersten Furzgag. Damit macht Regisseur Jared Hess („Napoleon Dynamite“) seinem Publikum gleich zu Beginn klar, wohin die Reise gehen wird – und enttäuscht die Erwartungen nicht. Wobei der Begriff ‚Erwartungen‘ hier sehr niedrig angesetzt werden sollte. Denn obwohl sich „Masterminds“ auf wahre Begebenheiten bezieht, nutzt Hess fortan jede Möglichkeit, um dem Affen Zucker zu geben. Willige Helfer vor der Kamera hat er dafür en masse: Zach Galifianakis, Kristen Wiig, Owen Wilson, Jason Sudeikis, Kate McKinnon und Leslie Jones hauen ordentlich auf den Putz und versuchen konstant, sich im Overacting zu übertrumpfen. Hat man/frau das erst einmal akzeptiert, wird aus „Masterminds“ ein ganz amüsanter Streifen.

David (Galifianakis) und Kelly (Wiig) arbeiten für eine Sicherheitsfirma und transportieren täglich Unmengen von Cash in einem Geldtransporter durch die Gegend. Als Kelly gefeuert wird und sich mit dem Möchtegern-Gangster Steve (Wilson) einlässt, ist es mit Davids eintönigem Leben vorbei. Die zwei überreden ihn, den Safe der Firma zu leeren und einen Neuanfang in Südamerika zu wagen. Verliebt wie er ist, lässt David sich darauf ein – und zeigt seinen neuen Freunden und der Welt, was man bei einem Überfall wie diesem alles falsch machen kann. Das Ende vom Lied: Steve hetzt David einen Killer (Sudeikis) auf den Hals, der nicht minder ‚speziell‘ ist.

„Masterminds“ zieht seinen Witz hauptsächlich aus den völlig übertriebenen Darstellungen seiner Figuren. Von Kleidung über Verhaltensmacken bis hin zu ihrer Art zu sprechen sind hier ein paar gute Gags versteckt. Und den Stars, die ihr Handwerk größtenteils bei „Saturday Night Live“ gelernt haben und bereits in diversen Komödien zusammen auftraten, ist der Spaß an diesem völlig überzogenen Unsinn anzusehen.

Sie retten den Streifen vor einigen Untiefen, sei es der überraschungslose Handlungsverlauf oder die nicht zu übersehenden Fehlstellen, die manche Szenen recht abgehackt wirken lassen. Dies kann allerdings auch der turbulenten Entstehungsgeschichte des Films geschuldet sein: Kurz vor der Fertigstellung und Veröffentlichung ging die Produktionsfirma Relativity Media bankrott und das Werk verschwand ein Jahr in irgendeinem Archiv.

Ein Rohrkrepierer ist „Masterminds“ aber keinesfalls. Zwar fehlt es an Kreativität, Spannung und ein paar richtigen Schenkelklopfern, aber abgesehen von zwei überflüssigen Fäkal-Witzchen ist das hier zu Sehende doch ganz witzig.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Extras gibt es keine. „Masterminds“ erscheint bei Universum Film und ist seit 18. August 2017 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Universum Film GmbH)

Samstag, 19. August 2017

... im Nachgang: „Die Verführten“ (Kinostart: 29. Juni 2017)

Verführerisch gut oder seelenlose Neuauflage? HIER ein lesenswertes Streitgespräch über den Film „Die Verführten“ von Sofia Coppola. Von mir stammt der Contra-Teil des Textes.

(Plakat: © 2017 Universal Pictures International Germany GmbH)