Montag, 11. Februar 2008

„There Will Be Blood“ (Kinostart: 14.02.2008)

Gier und Glaube. Viel zu häufig gehen diese beiden menschlichen Eigenschaften eine bedenkliche Liaison ein, deren Folgen beispielsweise im Trümmerhaufen Irak täglich zu sehen sind. Aber nein, Paul Thomas Anderson, Regisseur von „There will be Blood“, möchte seinen Film nicht als politisches Kino, sondern eher als Historienstreifen verstanden wissen, oder – wie bei der Premiere verkündet – als „Horrorfilm über die Geburt Kaliforniens“.
Nach 158 Minuten im Kinosessel möchte ich dem zustimmen! Selten hat mich ein Drama über das Leben eines mir völlig Fremden so gepackt, erschüttert, eingeschüchtert. Noch nie (außer vielleicht Robert De Niro in „Kap der Angst“, 1991) hat mir eine Figur solch einen Schauer über den Rücken gejagt wie Daniel Plainview, dargestellt von einem wie immer alles überragenden Daniel Day-Lewis, selten zuvor wirkte ein Soundtrack so einprägsam, so angsteinflößend, so anders als jener von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood.

Schon der Beginn weiß zu begeistern: Wortlos gräbt ein Mann in einem tiefen Erdloch nach Öl, schmutzig, keuchend, völlig allein. Gefühlte zehn Minuten kann man ihn dabei beobachten, riecht den Dreck und bangt gleichzeitig um das Leben dieses Menschen, wenn die Wände bedrohlich bröckeln.
Doch dies ist glücklicherweise erst der Anfang von Plainviews Karriere zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „Ölmann“, wie er sich selbst nennt. Über viele Jahre hinweg folgt er seinem Gespür auf der Suche nach dem Schwarzen Gold, handelt skrupellos gegenüber Konkurrenten und gleichzeitig rücksichtsvoll in Bezug auf seine Arbeiter und deren Familien. Selbst seinen Sohn (Dillon Freasier) weiß er für seine Zwecke zu nutzen, der bis zu einem Unfall selbst voller Begeisterung seinen Vater unterstützt.
Es ist dieser Unfall und Eli Sunday (Paul Dano), die Plainviews weiteren Lebensweg zeichnen. Denn Sundays Vater gehörte einst das Land, auf dem Plainview nun seine Ölmaschinen und Pumpanlagen aufbaut. Und Sunday ist zudem ein tiefgläubiger Mensch und Laienprediger, der die Arbeiter mit seinen fanatischen Gebeten sukzessive in seinen Bann zieht und dem Ölmann zudem das Versprechen abringen kann, sehr viel Geld für seine neue Kirche zu spenden.
Ein Kampf beginnt, der sich zwar nur selten in einer Eruption von Gewalt entlädt, dann aber heftig und immer von Plainview ausgehend. Es ist vielmehr ein Kampf im Geiste, um Überzeugungen, Entscheidungen und Werte. Ein Kampf, den nur einer gewinnen kann, auch wenn er dabei alles andere verliert.

Ich gebe zu, Regisseur Andersons´ Wunderwerke „Magnolia“ (1999) und „Boogie Nights“ (1997) nicht sonderlich zu mögen. Mögen sie auch für viele (alle?) als großes Kino gelten, über das Prädikat „gut“ kommen beide Filme bei mir nicht hinaus. Doch jetzt hat er mich! „There will be Blood“ gehört auf die Leinwand und gehört gesehen! Es ist nicht nur die oben erwähnte darstellerische und akustische Brillanz, es ist ein Gesamterlebnis!
Die Charaktere sind allesamt stimmig und mit ausreichend Screentime versehen, das Szenario quillt über vor Detailreichtum, die Atmosphäre ist selbst in der letzten Reihe des Kinosaals zu spüren. Abseits der offensichtlichen Familientragödie läßt das Epos zusätzlich genügend Interpretationsspielraum für aktuelle Bezüge, liefert ein glaubhaftes Bild einer Gesellschaft an der Schwelle zum 20. Jahrhundert und porträtiert in seinem Rahmen ein Land, das zwischen wirtschaftlicher Gier und religiösem Fanatismus auseinanderzubrechen droht(e).

„There will be Blood“ ist anspruchsvolles, trotz Überlänge niemals langweilendes Kino (nicht Heimkino!) von sehr hoher Qualität, welches ich hiermit uneingeschränkt empfehlen möchte.

Sonntag, 10. Februar 2008

Fundsache: „Little Children“

Auch heute möchte ich euch einen älteren Film (aus dem Jahr 2006) ans Herz legen, den ich neulich auf DVD wiederentdeckte. Da sich der Verleih weder beim Kino- noch beim DVD-Start zur Promotion ein Bein ausgerissen hat, ist das Werk leider nur durch seine zahlreichen Nominierungen für den Oscar (weibliche Hauptrolle, Nebenrolle, Drehbuch) aufgefallen.

„Es ist der Hunger. Der Hunger nach einer Alternative. Die Weigerung ein Leben zu akzeptieren, das unglücklich ist.“
Eigentlich hat Sarah (Kate Winslet) keinen Grund zu klagen: Ein Haus, eine wunderbare Tochter und ein Ehemann, dessen Gehalt ihr ein sorgenfreies Leben beschert. Doch Sarah will mehr – und entdeckt Brad (Patrick Wilson). Auf dem Spielplatz. Im Schwimmbad. Und schließlich im Waschkeller, als sie ihm und seinem Sohn auf dem Heimweg Unterschlupf vor dem Regen gewährt.
Eine Liebe, die nicht sein darf und deshalb verheimlicht wird. Nicht nur vor den Partnern, sondern vor der ganzen Stadt. Denn hier bleibt selten etwas unentdeckt, wird getratscht, intrigiert, gemobbt.
Ronnie (Jackie Earle Haley) weiß das, denn er kommt gerade aus dem Gefängnis. Will seine Vergangenheit bewältigen und bei Muttern neu beginnen. Doch man lässt ihn nicht. Auf dem Spielplatz, im Schwimmbad, zu Hause.
Das Drama „Little Children“ ist erst das zweite Werk von Todd Field. Ein Film über Menschen, Vorurteile, dem Hunger nach Leben. Ein reifer, vielschichtiger, sarkastischer und gleichsam unglaublich intensiver Film, der seinem Vorgänger „In the Bedroom“ (2001) in nichts nachsteht.
Ob´s an der guten Schule lag? Noch 1999 spielte er eine tragende Rolle in Kubricks letztem Meisterwerk „Eyes Wide Shut“, nun bestätigt er selbst als Autor und Regisseur seine Fähigkeit, mittels weniger Dialoge und wohldurchdachter Inszenierung seine Darsteller (u.a. Jennifer Connelly) zu Höchstleitungen anzuspornen. Gesten und Blicke, Kleidung und Musik – dies alles verbindet Todd in „Little Children“ zu einem der aufwühlendsten, spannendsten und besten Filme der vergangenen Jahre.