Donnerstag, 30. Juli 2009

„Fanboys“ (Kinostart: 30.07.2009)

Möge die Macht gegen dich sein

Es war einmal in einer entfernten Galaxie, einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wo es (fast) jedem gelingen kann, nur auf Grundlage einer halbwegs witzigen Idee ganze Scharen von Filmproduzenten zu begeistern (darunter Kevin Spacey). Daraufhin setzten sich an diesem Ort zwei Drehbuchautoren zusammen, um einen amüsanten Film über die Folgen des „Star Wars“ -Fandaseins zu Papier zu bringen. Leider vergaßen sie jedoch, ihrer Kreation neugierig machende, charmante, oder schlicht interessante Charaktere zuzufügen. Als Folge dessen meldeten sich lediglich vier mäßig begabte Darsteller für die Hauptrollen (Dan Fogler, Jay Baruchel, Sam Huntington, Chris Marquette), doch was macht das schon, wenn zumindest ein paar bekannte Gesichter (William Shatner, Carrie Fisher) hier und da die Szenerie bereichern?

Denn die vier Jungs sind unterwegs zum Anwesen von George Lucas, dem Schöpfer von „Star Wars“ und im Jahr 1998 alleiniger Besitzer der ersten Filmfassung von „Episode I“. Die Zeit drängt, denn einer der Helden ist an Krebs erkrankt und möchte das Werk vor seinem Ableben sehen. Doch die Reise zur bestbewachten Ranch der USA ist gespickt mit allerlei seltsamen Zwischenstopps, Feinden aus dem „Star Trek“-Lager und einer banalen Aneinanderreihung belangloser Ereignisse, an deren Ende sich einer der Protagonisten im Kino sitzend fragt: „Was, wenn ‚Episode I‘ langweilt?“ Dann, mein Freund, dann hast Du „Fanboys“ gesehen! Und die Macht ist gegen dich.

Aus der „Sächsischen Zeitung“ (Plusz) vom 30. Juli 2009.

Freitag, 24. Juli 2009

„Salami Aleikum“ (Kinostart: 23. Juli 2009)

Woran denken Sie, wenn Sie den Titel „Salami Aleikum“ lesen? Einen Film aus dem Nahen Osten? Vielleicht eine orientalisch angehauchte Geschichte? Oder doch „nur“ eine Komödie, die wenig rücksichtsvoll die islamische Kultur persifliert?

Vorurteile, oder wie im oben genannten Beispiel Meinungen, die lediglich auf flüchtigen Wahrnehmungen basieren, sind in jeder Gesellschaft omnipräsent. Häufig im Offensichtlichen, viel zu oft auch im Verborgenen. Darauf hinzuweisen und Vorurteile zu hinterfragen, ist ein endloser, aber wichtiger Prozess, sei es auf politischem oder kulturellem Wege.

Ali Samadi Ahadi, Regisseur des in Deutschland produzierten Films „Salami Aleikum“, geht dieses schwierige Thema auf ganz spezielle Weise an – als einen bunten Mix aus Komödie, Sozialdrama und Bollywood. Herausgekommen ist ein manchmal albernes, manchmal nachdenkliches, dabei stets unterhaltsames Werk zum völlig überholten, ewigen Ossi/Wessi- und Deutschsein-/Ausländersein-Denken.

Mohsen (Navid Akhavan), 20 Jahre alt und deutsch-iranischer Abstammung, lebt zusammen mit seinen Eltern, den Inhabern einer Metzgerei, in Köln. Wenn es nach seinem Vater (Michael Niavarani) ginge, würde Mohsen ganz im Sinne der Familientradition ebenfalls hinter der Theke stehen und Gehacktes verkaufen. Doch der sensible Junge verliert sich lieber in Tagträumen und strickt. Ständig.
Als der elterliche Betrieb wegen einer Unachtsamkeit beim Entsorgen von Schlachtabfällen vor dem Ruin steht, geht Mohsen einen zwielichtigen Deal mit einem polnischen (!) Geschäftsmann ein. Alles, was er tun muss, ist eine Fahrt ins Nachbarland, um dort ein paar wohlgenährte, umsatzversprechende Schafe abzuholen. Selbstverständlich war das Geschäft „getürkt“ und der schüchterne Mohsen landet ungewollt inmitten der ostdeutschen Provinz: in Oberniederwalde. Ein paar Zufälle und Missverständnisse später gilt Mohsen bei den Bewohnern als Vorhut für die Wiederkehr großer Investoren, die aus dem brachliegenden VEB „Textile Freuden“ ein weltweit erfolgreiches Unternehmen machen sollen.

Auf den ersten Blick ist „Salami Aleikum“ nichts weiter als eine Ansammlung altbekannter Klischees: Der unehrliche Pole, das verstaubte Ostdorf, darin Bewohner, welche den Fremdling kritisch beäugen und sofortige Anpassung fordern, ein cholerischer Vater, der von seinem Sohn die strenge Einhaltung traditioneller Regeln erwartet, sowie eine übergroße, blonde Landpommeranze (Anna Böger), die mit den Nachwirkungen ihrer gedopten DDR-Sportlerkarriere zu kämpfen hat.
Doch weiß Drehbuchautor Arne Nolting all diese Oberflächlichkeiten wunderbar zu nutzen, um daraus Figuren zu entwickeln, die allesamt weit entfernt davon sind nur vorgeführt zu werden oder für eine gesellschaftliche Schicht von Menschen herhalten zu müssen. Es ist schlicht rührend und absurd zugleich, wie sich die Charaktere auf Grundlage ihres Halbwissens über fremde Kulturen versuchen anzunähern. Dazu zählen überstürzte Sprachkurse in Eigenregie ebenso wie das Einpacken eines Baseballschlägers zur Verteidigung, wenn die Koffer für die Reise nach Ostdeutschland gepackt werden. Die Väter präsentieren sich später beim gemeinsamen Trinkgelage brüderlich ihre angestaubten Uniformen und beim Fachsimpeln über den Nutzen ausländischer Investoren freut sich Papa Wolfgang Stumph: „Na wenigstens ist es kein Wessi!“

Überhaupt spielen nicht nur Stumph und Niavarani als misstrauische Väter fabelhaft auf. Dem gesamten Cast scheint es eine helle Freude gemacht zu haben, dieses mit Tricksequenzen und Tanzeinlagen gespickte Stück Filmkunst zum Leben zu erwecken. Sie verleihen ihren Figuren trotz aller anfänglichen Ressentiments Wärme und Sympathie, transportieren deren Wünsche, Träume und Erwartungen nach Außen und entlarven somit gleichzeitig hier und da die Wurzeln für Vorurteile und falsche Beurteilungen.

„Salami Aleikum“ gelingt das Kunststück, auf sehr leichtfüßige Art und Weise Vorurteile zu karikieren, auf gesellschaftliche Zustände hinzuweisen und mit herzlichen Charakteren zu unterhalten. Ausgezeichnet!

Mittwoch, 15. Juli 2009

„Harry Potter und der Halbblut-Prinz“ (Kinostart: 15. Juli 2009)

Zu Beginn ein wenig Statistik: Es ist der sechste Film im achten Jahr, Werk zwei für Regisseur David Yates und mit stolzen 153 Minuten momentaner Laufzeit-Vize unter den Harry-Potter-Abenteuern. Eine Selbstverständlichkeit, angesichts der vielen anstehenden Ereignisse im Zauberinternat Hogwarts, wo Harry (Daniel Radcliffe) zusammen mit seinen Freunden Hermine (Emma Watson) und Ron (Rupert Grint) das nächste Schuljahr beginnt.
Unter den wachsamen Augen des Direktors Dumbledore (Michael Gambon) erfährt der junge „Auserwählte“ hier immer mehr Geheimnisse aus dem Leben seines Feindes, Lord Voldemort (Ralph Fiennes). Als wäre dies nicht schon gefährlich genug, spielen auch noch die Hormone verrückt und beuteln die angehenden Zauberer mit den Tücken der ersten Liebe.

Dem „Halbblut-Prinz“en vorzuwerfen, der Reihe wenig Neues hinzuzufügen, ist ob der aufeinander aufbauenden Dramaturgie der einzelnen Teile kein faires Argument. Neueinsteiger tun daher gut daran, sich zuvor in das Potter-Universum einzulesen, um die vielen kleinen Nettigkeiten im Hintergrund überhaupt wahrnehmen zu können.

Inhaltliche Schwächen offenbaren sich allerdings auch ohne tiefere Kenntnisse: Das zu Beginn sorgsam und humorvoll aufgebaute Beziehungschaos wird am Ende wenig überzeugend „repariert“, Professor Snape (Alan Rickman), eine der Hauptfiguren, wirkt in Gestus und Sprache wie ein austauschbares Abbild von „Matrix“-Bösewicht Agent Smith, und in Ermangelung eigener Ideen stürzt sich zum Finale auch noch „Herr der Ringe“-Monster Gollum in Dutzendfacher Ausführung auf den armen Harry.

Schlecht ist der Film deswegen nicht, ein wenig mehr inhaltliche Sorgfalt und künstlerisches Neuland darf es im nächsten Teil aber schon gern sein.

Aus dem „Meißner Tageblatt“ vom 15. Juli 2009.

Donnerstag, 2. Juli 2009

„Achterbahn“ (Kinostart: 2. Juli 2009)

Wie an anderer Stelle auf diesem Internetblog schon einmal erwähnt, zählen Dokumentationen nicht zu meinen Favoriten im Kinoprogramm. Oftmals genügen weder Inhalt noch Umsetzung dem Anspruch an einen spannenden, unterhaltsamen, anregenden Film, um ihn vorbehaltlos zu empfehlen.
Peter Dörflers „Achterbahn“ jedoch bietet dies alles. Mehr noch: Es ist kaum vorstellbar, dass diese Geschichte tatsächlich der Realität entspringt.

Ein weiterer immenser Vorteil dieser Dokumentation gegenüber anderen Geschichten ist die unauffällige, für dieses Sujet allerdings essenziell wichtige Arbeit „hinter der Kamera“. In diesem Fall von Regisseur Dörfler selber geführt, dessen Erfahrung als Spielfilmfotograf (u.a. „SommerHundeSöhne“, 2004) das Werk vom amateurhaften Rest (man verzeihe mir diese Generalisierung) wohltuend abhebt. Dörfler hat tatsächlich Bilder kreiert, welche die Leinwand nutzen und füllen können.

„Achterbahn“ berichtet von der abwechslungsreichen Lebensgeschichte der Familie Witte, ein Name, der untrennbar mit dem Berliner Spreepark, auch bekannt als „Plänterwald“, verbunden ist. Ein Freizeitpark, der nach der Wiedervereinigung von Norbert Witte als Geschäftsführer übernommen wurde und zum größten Rummelplatz der Region ausgebaut werden sollte. Witte galt zu dieser Zeit bereits als „alter Hase“ in diesem Geschäft, hatte mit seinen Fahrgeschäften erfolgreich Tourneen durch Jugoslawien und Italien absolviert und dabei anständige Gewinne erzielt.
Das Projekt „Vergnügungspark Plänterwald GmbH“ startete 1990 und versprach tatsächlich ein Erfolg zu werden. Doch aller Besucherströme zum Trotz erwirtschafteten Witte und seine Mieter kaum Umsatz, zusätzlich gebeutelt von geschäftsschädigenden Entscheidungen des Berliner Senats (u.a. wurden freie Parkplätze gestrichen) folgte 2001 die Insolvenz. Um den Schulden zu entgehen, „floh“ Familie Witte mit einigen Karussells nach Peru, um dort einen Neuanfang zu wagen. Probleme beim Zoll und Korruption verzögerten den Aufbau, aus Geldnot nutzte Norbert Witte im Jahr 2003 eine Reise nach Deutschland zum Schmuggel von Drogen – und wurde verhaftet. Ebenso wie sein Sohn, der in einem undurchsichtigen Verfahren zu 20 Jahren (!) Haft in Peru, in einem der härtesten Gefängnisse der Welt, verurteilt wurde.

Seit 2008 ist Vater Witte nun wieder auf freiem Fuß und plant bereits neue Investitionen. Unterdessen lassen seine Ex-Frau und seine Tochter nichts unversucht, den Sohn und Bruder aus Peru nach Deutschland zu holen.

Nomen est Omen: Treffender als „Achterbahn“ hätte Dörfler seinen Film nicht betiteln können. Das Auf und Ab im Leben Wittes überträgt sich auf den Zuschauer, staunend, kopfschüttelnd und mit fiebernd verfolgt man diese schier unglaubliche Geschichte eines Stehaufmännchens, das sich selbst durch familiäre Tragödien nicht von seinem Traum abhalten lässt und immer wieder einen Neubeginn wagt – koste es, was es wolle.