Dienstag, 23. Februar 2010

„Nine“ (Kinostart: 25. Februar 2010)

Am Ende sind Namen und Auszeichnungen halt doch nur Schall und Rauch! Nicht weniger als sechs Oscarpreisträger sowie zwei weitere bekannte Stars aus der Film- und Musikwelt versammelte Regisseur Rob Marshall („Chicago“), um seine Musicalverfilmung „Nine“ zum Leben zu erwecken. Vor nahezu tödlicher Langeweile bleibt der Zuschauer jedoch trotzdem nicht verschont.

Der berühmte Filmregisseur Guido Contini (Daniel Day-Lewis) steckt in einer Schaffenskrise. Ob Presse, Agent oder Publikum: Alle erwarten sie ein neues Meisterwerk. Doch der Maestro muss zunächst erst einmal sein Leben, beruflich wie privat, sortieren. Gattin (Marion Cotillard), Geliebte (Penélope Cruz), Muse (Nicole Kidman), Assistentin (Judi Dench) und Mutter (Sophia Loren) – alle nerven, fordern, bitten. Singend, tanzend, leidend.

Mag es auch als Broadway-Musical große Erfolge gefeiert haben, im Filmkosmos, in dem „Moulin Rouge“ bereits 2001 den vermeintlichen Höhepunkt des Genres markierte, wirkt diese Adaption seltsam antiquiert. Lustlos in der Regie, wenig originell bei den Tanzeinlagen und sogar musikalisch erschreckend lau: Das Kalkül hinter Drehbuch, Umsetzung und Vermarktung des Endprodukts ist unübersehbar. Da geht selbst ein einzelner Lichtblick wie die von Cotillard eindrucksvoll ambivalent gespielte Ehefrau haltlos unter. Aufmerksame Cineasten mögen in der Figur des Regisseurs vielleicht sogar noch Verweise auf Federico Fellini erkennen. Schlussendlich jedoch drängt sich nur ein Gedanke auf: „Nine“ ist in all seiner gewollten Perfektion nicht mehr als ein beim Produzentendinner auf einer Serviette entworfenes Kunstobjekt, das ausschließlich durch seine äußere Hülle Appetit machen soll, sich jedoch schon im Vorspeisengang als fades Luftgebäck entpuppt.

Aus dem „Meißner Tageblatt“ vom 17. Februar 2010.

Mittwoch, 10. Februar 2010

„Valentinstag“ (Kinostart: 11. Februar 2010)

Einen Tag im Leben der Liebe möchte er uns zeigen. Einen Tag voller Leidenschaft, Gefühl, Wärme und Romantik: Garry Marshall, inzwischen stolze 75 Jahre alt und Regisseur von Filmen wie „Pretty Woman“, „Die Braut, die sich nicht traut“ und „Plötzlich Prinzessin“. Ein gewisser Erfahrungsschatz an romantischem Kitsch ist also nicht zu leugnen – ein anderes großes Manko jedoch ebenso wenig: Denn Garry Marshall und seine Autoren haben sich – siehe erwähnte Filmographie – noch nie um Realitätsnähe bemüht, was angesichts des vorangestellten Ziels nicht nur wundert, sondern mit zunehmender Laufzeit vor allem langweilt. Statt nämlich tatsächlich ein amüsantes Potpourri zu kreieren, das die verschiedenen Facetten der Liebe in all ihren hellen und dunklen Aspekten ehrlich anspricht, watscheln die unzähligen Hauptdarsteller, darunter Julia Roberts, Anne Hathaway, Jessica Alba, Patrick Dempsey und Jamie Foxx, planlos durch ihre Reißbrett-Alibi-Leben, lassen in ihren Dialogen jeglichen Wortwitz missen und durchlaufen dabei fürchterlich vorhersehbare, spannungsfreie und ermüdende Märchendilemmata. Zusammengeführt werden diese Episoden halbherzig-ideenlos, Tempo oder gar optische Ideen, dies zumindest peppig ins Bild zu setzen, sucht man vergebens.

Wie unterhaltend, unbeschwert und glaubhaft ein Film dieses Genres trotz bekannter Muster sein kann, bewies „Er steht einfach nicht auf Dich!“ im Frühling des vergangenen Jahres. Im direkten Vergleich stellt sich nun jedoch die Frage, was sowohl Schauspiel-Schönling Bradley Cooper, als auch den beiden Co-Autoren seit diesem gelungenen Beitrag im Filmkosmos zugestoßen sein mag, um 2010 solch einem flachbrüstigen Unsinn zugesagt zu haben? Doch nicht etwa die ominöse rosarote Brille gegenüber der Gage? Ist dies der Fall, macht Liebe offenbar doch blind.

Aus dem „Meißner Tageblatt“ vom 10. Februar 2010.

Montag, 8. Februar 2010

„Metropolis“ (1927)

Liebe Filmfreunde,

am Freitag, den 12. Februar, wird es im Rahmen der Berlinale eine einmalige Sonderaufführung des Fritz-Lang-Klassikers „Metropolis“ am Brandenburger Tor in Berlin geben. Der Einritt ist frei, zur musikalischen Untermalung dieses Stummfilmklassikers werden gleich zwei Orchester die Originalpartitur des Komponisten Gottfried Huppertz spielen. In der Tat ein historisches Ereignis, wenn man sich einmal – abseits der künstlerisch-historischen Bedeutung dieses Monumentalwerks – die Odyssee der nun (fast kompletten) 154 Minuten vor Augen führt (zu sehen in der Dokumentation „Die Reise nach Metropolis“; Sendetermin: 12. Februar, 23:20 Uhr, arte).

Der Fernsehsender arte überträgt das Ereignis für alle Daheimbleibenden ab 20:15 Uhr live. Wer also ein Stück Filmgeschichte erleben möchte, sollte sich diesen Termin freihalten.

Freitag, 5. Februar 2010

„Gegen jeden Zweifel“ (Kinostart: 4. Februar 2010)

Routiniert. Mit diesem – Achtung Ironie – verbalen Oscar beschreibt die Pressenotiz die Arbeit und den neuen Film von Peter Hyams, dem „routinierten Actionfilmer“, dessen durchwachsene Filmographie Werke wie „End of Days“, „Das Relikt“ oder auch die Fortsetzung zu Kubricks Meilenstein der Filmkunst „2001 – Odyssee im Weltraum“ unter dem Titel „2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“ aufweist.

Nun hat er sich abermals an einem historischen Werk probiert, diesmal allerdings als sogenanntes Remake, als Neuverfilmung also. Niemand Geringeres als Fritz Lang (dessen eigenes Überwerk „Metropolis“ auf der diesjährigen Berlinale endlich (fast) komplett zu sehen ist) lieferte einst die filmische Vorlage zu „Gegen jeden Zweifel“. Das war 1956 (damals unter dem Titel „Jenseits allen Zweifels“), unwichtig zu erwähnen, dass Drehbücher in jener Zeit auf eine ganz andere Art und Weise, als wir es heute kennen, verfasst und umgesetzt wurden. Oder hätte dies vielleicht doch jemand Peter Hyams noch einmal mitteilen sollen?

Als Regisseur, Autor und Kameramann in Personalunion muss er nun leider für einen Großteil meiner Kritik herhalten. Denn, lieber Peter, wenn Du einen klassischen Stoff schon neu verfilmst oder modernisierst, dann tue dies das nächste Mal bitte etwas umfangreicher und ideenvoller.

Der Journalist C.J. (Jesse Metcalfe) ist davon überzeugt, Staatsanwalt und Gouverneur in spe Mark Hunter (Michael Douglas) habe einige Leichen im Keller. Schon lange hat der nämlich auf wundersame Weise keinen einzigen seiner Fälle verloren, selbst wenn die Beweislage offensichtlich etwas anderes voraussagt. Also beginnt der strebsame Redakteur zu recherchieren und stößt schon bald auf etliche Ungereimtheiten. Ihm zur Seite steht die attraktive Juristin Ella (Amber Tamblyn), die dummerweise / passenderweise auch als Hunters Assistentin fungiert.

„Gegen jeden Zweifel“ wirkt in allen Belangen antiquiert. Was womöglich als Hommage an das Original gedacht war, entpuppt sich als ein auf TV-Niveau dahinsiechendes Möchtegern-Krimifilmchen, das ausgelutschter und – dies besonders – vorhersehbarer nicht sein kann. Beispielhaft hierfür soll das Schicksal von C.J.s Freund genannt sein, der streng nach Schema F in die Geschichte hinein- und später wieder hinauskatapultiert wird.

Grausamer noch als jede x-te Douglas´sche Wiederbelebung seines „Wall-Street“-Alter Egos Gordon Gekko, ist die vom Original offensichtlich unverändert übernommene Sprachkultur der Figuren. Bei aller Ernsthaftigkeit, die dieser Film versucht zu verbreiten, wirken Post-Sex-Dialoge vom Kaliber „Leidenschaft ließ mich zuvor das `L-Wort´ zu dir sagen“ schlicht lächerlich und deplatziert. Dies führt Hyams in Bezug auf die Musikauswahl noch weiter, wobei diese missglückte Adaption alten Hollywoodschmachtgefiedels fairerweise David Shire angelastet werden muss, der für „Zodiac“ (2007) eigentlich gute Arbeit geleistet hat.

Spannungsarm, überraschungslos und mit der Tiefe eines Aschenbechers versehen: so ist dieser Film, so handeln dessen Figuren, – und so vergrault man ein halbwegs intelligentes Publikum. Katastrophal in allen Belangen.

„Giulias Verschwinden“ (Kinostart: 4. Februar 2010)

Es gibt sie noch! Jene Regisseure und Drehbuchautoren, die sich eben nicht mit leidlich amüsanten, oberflächlichen Faxengeschichten á la „Dinosaurier – Gegen uns seht ihr alt aus!“ zufrieden geben und sich Realitätsnähe sowie Tiefgang auch für ein älteres Publikum bewahren. Ist es besonders gelungen, so wie in diesem Fall, sollten sich auch Zuschauer diesseits der 50 nicht scheuen, ein Kinoticket zu lösen.

Denn Christoph Schaubs nach einem Drehbuch von Martin Suter inszeniertes Kammerspiel, das selten mehr als zwei Handlungsorte zeigt, ist eine exzellente Abarbeitung zu den Themen Älterwerden, Selbstironie und Gelassenheit gegenüber sämtlichen gesellschaftlichen Erwartungen, denen man(n) und frau ab einem bestimmten Lebensjahr gegenüberstehen.

Eigentlich soll es „nur“ ein gemütliches Beisammensitzen zum 50. Geburtstag von Giulia (Corinna Harfouch) sein, zu dem sich ein paar ihrer engsten Freunde in einem Züricher Restaurant zusammenfinden. Noch warten sie auf den Ehrengast, doch Giulia, die im Bus auf dem Weg zum Ort des Geschehens ein Gespräch zweier Teenager belauscht hat, entscheidet sich für einen kurzen Zwischenstopp in einem Brillengeschäft. Dort wird ein charmanter Herr (Bruno Ganz) auf sie aufmerksam, der sie prompt zu einem Drink in eine Bar einlädt.

Die Zufallsbekanntschaft entwickelt sich rasch zu einem sehr offenen und persönlichen Gespräch über das Alter und die Liebe, währenddessen ihre Freunde selbst die Chance von Giulias Abwesenheit nutzen, um einen ehrlichen Blick auf sich und das Leben generell zu werfen.

Humor, Intelligenz und Ehrlichkeit zeichnen nicht nur die Gespräche, sondern ebenso die Figuren aus, mit denen uns Schaub und Suter beglücken. Ein erhellendes, zum Glück nicht wehleidiges, sondern rundum gelungenes Filmvergnügen!

„LowLights“ (Kinostart: 4. Februar 2010)

Löse deine Protagonisten aus ihrem vertrauten Umfeld und schicke sie, womöglich unter einer anderen Identität, auf eine kleine Reise, bei der sie sich und ihre Liebsten von einer neuen Seite kennenlernen.

So wenig neu, wie diese Idee im Filmuniversum einerseits ist, so vielfältig sind andererseits oftmals ihre Variationen. Nun versucht sich die litauisch-deutsche Koproduktion „LowLights“ von Autor/Regisseur Ignas Miškinis daran und will uns neue Facetten dieser Grundidee präsentieren, scheitert dabei jedoch an schlichter Ideenarmut.

Linas (Jonas Antanèlis) trifft seinen alten Schulfreund Tadas (Dainius Gavenonis) eines Abends zufällig wieder. Gelangweilt und angenervt von seinem beruflichen und privaten Alltag, lässt er sich von Tadas zum „Night Driving“ überreden – zielloses Umherfahren im Auto durch die nächtliche Stadt. Als Tadas zufällig eine schöne Frau (Julia Maria Köhler) einsammelt und zum Verweilen einlädt, ist Linas sowohl überrascht als auch geschockt und neugierig zugleich: denn bei der Dame handelt es sich um seine eigene Ehefrau.

Statt diese drei Figuren nun in der folgenden Filmhälfte auf einen psychologischen oder zumindest persönlichen Erfahrungstrip zu schicken, macht das Trio tatsächlich nur eines: Auto fahren. Das hat zunächst natürlich eine wunderbare, die Stimmung beruhigende Atmosphäre zur Folge, kann jedoch den Film allein natürlich nicht tragen. So wartet man zunehmend sehnsüchtig auf eine charakterliche Entwicklung, doch diese bleibt dem Dreierpack – trotz etlicher Gelegenheiten – leider verwehrt. Verschenkt!