Montag, 18. April 2011

DVD-Tipp: „Kinski Talks 2“ (2011)


Klaus Kinski war ein Gesamtkunstwerk: Ob als Schauspieler, Regisseur oder Interviewpartner, in jeder Rolle bot er seinem Publikum etwas Einmaliges, Sonderbares, Faszinierendes. Legendär seine Hassliebe zu Werner Herzog, mit dem er mehrere Filme inszenierte, gefürchtet seine verbalen Attacken gegen Fragensteller, die er nicht selten schroff, scharfzüngig oder einfach nur dickköpfig zurechtwies.

Peter Geyer, Biograph und Nachlassverwalter von Kinskis Auftritten, hat nun nach der Dokumentation „Kinski – Jesus Christus Erlöser“ und „Kinski Talks 1“ eine neue DVD zusammengestellt, die den streitbaren Künstler abseits der Kinoleinwand ‚in Aktion‘ zeigt. Neben einem Auftritt in der „NDR Talk Show“ vom Oktober 1985, bei dem Kinski all sein Können als Charmeur, bockiger Gast und Provokateur zeigt, ist ebenso eine Folge aus der Sendereihe „Zeit zu zweit“ (Juli, 1985) auf der DVD zu finden. Fast 45 Minuten lang kann man Kinski hier dabei beobachten, wie er der damals 17-jährigen Désirée Nosbusch Avancen macht, sich in Erinnerungen verliert, oder belehrend seine Sicht der Dinge zum Besten gibt. Interessant, was es damals so alles ins öffentlich-rechtliche Fernsehen geschafft hat…

Das dritte Feature auf der DVD bietet ebenfalls eine Kuriosität: Der amerikanische Dokumentarfilmer Jay Miracle versuchte sich im September 1986 an einem Interview mit Kinski. „Dinocittà“ entpuppt sich als ein zwar anstrengend anzusehendes, aber durchaus unterhaltsames Experiment, bei dem die Kamera oftmals in Hüfthöhe gehalten wird (Kinski verlangte direkten Augenkontakt von seinem Gegenüber) und dass einige überraschende Wahrheiten (?) über sein Verhältnis zu Werner Herzog verrät.

Fazit: Die DVD „Kinski Talks 2“ ist wie sein Vorgänger allein deshalb eine Empfehlung, weil sie neben Kinski in Reinkultur ein wunderbares Zeugnis der TV-Landschaft der 1980er Jahren darstellt. Die Silberscheibe bietet deutschen Ton (ohne Untertitel) für „NDR Talkshow“ (ca. 30 min.) und „Zeit zu zweit“ (ca. 44 min.), sowie deutsche Untertitel für das englischsprachige „Dinocittà“ (ca. 60 min.). Ein paar gelöschte Szenen und ein informatives Booklet sind als Bonusmaterial enthalten.

Man mag über den Menschen Klaus Kinski urteilen wie man will – doch für einen unterhaltsamen Fernsehabend war er zweifellos stets die beste Zutat. Mal sehen, ob Peter Geyer noch weitere Perlen dieser Art in den Senderarchiven findet. Als Alternative zum aktuellen TV-Programm wäre es wünschenswert.

Dienstag, 5. April 2011

Heimkino-Tipp: „Was will ich mehr“ (2010)


Es war im Jahr 2008, als ein kleiner, unscheinbarer Film aus Italien mit dem Titel „Tage und Wolken“ mich in seinen Bann zog. Das Drama erzählte von den Schwierigkeiten eines ‚alltäglichen‘ Paares jenseits der 40, nach Arbeitsplatzverlust und finanziell unbefriedigenden Aushilfsjobs wieder Fuß zu fassen. Dass dabei auch persönliche Konflikte und Enttäuschungen die Beziehung belasteten, machte die Geschichte spannend und vor allem glaubhaft.

Der Regisseur dieser Perle heißt Silvio Soldini. Kein unbeschriebenes Blatt in der Filmwelt, hatte er doch zuvor bereits mit „Brot & Tulpen“ (2000), sowie „Agata und der Sturm“ (2004) für zufriedene Kinobesucher gesorgt. Entsprechend hoch dürfen die Erwartungen an sein aktuelles Werk „Was will ich mehr“ auch sein.

Wieder widmet er sich einem Paar, wieder verankert er seine Geschichte im Hier und Jetzt und gibt sich als stiller Beobachter von Ereignissen, die in dieser Weise tatsächlich jedem liebenden Menschen widerfahren könnten: Anna (Alba Rohrwacher) ist verheiratet und hat dem äußeren Anschein nach alles, was es zum Glücklichsein braucht. Einen angenehmen Job, nette Kollegen, keine finanziellen Probleme und einen Mann, den Domenico (Pierfrancesco Favino) später als ‚Heiligen‘ bezeichnen wird, ist er doch der geduldigste, verständnisvollste und liebenswürdigste Gatte, den sich eine Frau nur wünschen kann.
Domenico trägt ebenfalls einen Ehering, ist Vater zweier Kinder und u.a. als Caterer tätig. Dabei trifft er eines Tages auf Anna – ein flüchtiger Blick, ein kleines Missverständnis, doch nichts was auf ihre gemeinsame Zukunft hinweisen könnte. Erst als er ein paar Tage später ein vergessenes Messer in ihrem Büro abholen will, nehmen sie sich wirklich wahr. Einen gemeinsamen Kaffee später ist beiden klar, dass da mehr ist.

Was sich zunächst wie eine italienische Variante von Patrice Chéreaus gefeierten Skandalfilm „Intimacy“ anlässt, ist sinnlich, romantisch und wunderbar natürlich dargestellt. Jedoch setzt „Was will ich mehr“ den Focus mit zunehmender Laufzeit immer mehr auf die Folgen, die die Affäre der beiden gebundenen Liebenden nach sich zieht. Will sie ihren Mann tatsächlich verlassen? Kann er ohne seine Kinder leben? Möchte sie ihrem ‚heiligen‘ Gatten eine Trennung wirklich antun? Wagt er es, seine kleine Familie, die kurz vor dem sozialen Abstieg steht, im Stich zu lassen?
Regisseur Soldini gelingt es, diese Dilemmata immer wieder in den Mittelpunkt zu rücken, ohne die geheime Beziehung von Anna und Domenico als etwas ausnahmslos Rücksichtsloses oder Egoistisches darzustellen. So sieht sich der Zuschauer eben jenen Konflikten und Problemen gegenübergestellt, die auch die Protagonisten zu lösen haben.

Diese dem Publikum nahezubringen, gelingt Soldini mit einem einfachen, aber sehr effektiven Kniff zu Beginn seines Films: Bis es – nach mehreren gescheiterten Versuchen – tatsächlich zum Sex zwischen Anna und Domenico kommt, wird „Was will ich mehr“ ausschließlich aus der Perspektive der Frau erzählt. Anschließend wechselt der Standpunkt der Geschichte und die Kamera klebt förmlich an Domenico und ermöglicht somit einen Einblick in seinen Alltag. Was bleibt, sind zwei komplett entblößte Leben und die Herausforderung für das Publikum, ein eigenes Urteil über ‚richtig‘ und ‚falsch‘, ‚nachvollziehbar‘ und ‚verwerflich‘ zu fällen. Das ist unterhaltsames, gefühlsbetontes und anspruchsvolles Kino wie ich es mag. Was will ich mehr?

P.S.: Die DVD/BluRay bietet den Film in deutscher und italienischer Sprachversion (Original), optionale deutsche Untertitel, gelöschte Szenen, ein informatives Making of, sowie diverse Trailer. Anbieter: Alamode Film/AL!VE AG