Freitag, 28. August 2015

... im Nachgang: „Men & Chicken“ (Kinostart: 2. Juli 2015)

Das Tier im Manne auf Dänisch: „Men & Chicken“ sorgt mit fürchterlichen Frisuren, grenzwertigem Humor und allerhand Absurditäten für ein besonderes Filmerlebnis. Ein schönes Streitgespräch dazu findet sich HIER (von mir stammt der „Pro“-Teil).

(Plakat: © 2015 dcm)

Mittwoch, 26. August 2015

Heimkino-Tipp: „Die Wolken von Sils Maria“ (2014)

Die Reise ins Ich

Meta-Ebenen sind was Feines! Manchmal ein wenig übertrieben, um noch amüsant zu sein (Du bist gemeint, „Expendables III“!), manchmal wunderbar dezent – ganz so wie in „Die Wolken von Sils Maria“, dem neuen Film von Olivier Assayas („Carlos – Der Schakal“). Eine intime Geschichte um drei Frauen, die aufgrund einer geplanten Wiederaufführung eines gefeierten Theaterstücks mit ihren eigenen Vorstellungen und Empfindungen zu den Themen Jugend, Vergänglichkeit und Liebe konfrontiert werden.

Im Mittelpunkt: Maria Enders (Juliette Binoche), eine international gefeierte und anerkannte Schauspielerin mittleren Alters, die in dem Stück die Rolle der Helena übernehmen soll. Ein verlockendes und gleichsam einschüchterndes Angebot für die Diva, die ihren Durchbruch 20 Jahre zuvor jenem Werk zu verdanken hat. Allerdings spielte sie damals Helenas Gegenstück, die verführerische Sigrid. Deren Part soll nun von der Hollywood-Skandalnudel Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) übernommen werden, die sich zwar nicht einmal den Namen des Regisseurs – Klaus Diesterweg (Lars Eidinger) – merken kann, jedoch hochmotiviert ist, die Rolle zu spielen. Kein Wunder, ist ihre Sigrid doch am Ende Schuld am Tod von Helena. Zwischen Zweifeln, Begeisterung und Ablehnung pendelnd, beginnt Maria in der abgelegenen Schweizer Berglandschaft Sils Maria mit den Vorbereitungen. Dabei weicht ihr Valentine (Kristen Stewart), ihre Assistentin und enge Vertraute, nicht von der Seite. Der Beginn einer emotionalen Reise, die keine der drei Damen unverändert zurücklässt.

„Die Wolken von Sils Maria“ ist ein dialoglastiges, anspruchsvolles Drama, das in vielen Szenen selbst die Form eines Theaterstücks beibehält. Während sich im Hintergrund eine einzigartige Naturlandschaft entfaltet, exerziert Regisseur und Autor Assayas das Innenleben seiner Protagonistinnen, schält sich quasi von Außen in ihr Innerstes und lässt sie dann aufeinander los. Das geschieht selten laut, übermäßig explizit oder voller großer Gesten. Nein, Assayas wählt eher den stillen Weg und gibt seinen drei herausragenden Darstellerinnen damit genug Raum, ihre ganze schauspielerische Klasse zu zeigen. Das alles kann das Publikum jedoch nur genießen, wenn es sich auf die intellektuelle Auseinandersetzung, die vor allem Maria und Valentine führen, einlässt. Die Berge, die sich dabei immer wieder in die Aufnahmen schleichen, übertragen die spitzen, kantigen, manchmal provozierenden Dialoge auf die Bildebene und verstärken diese. Der völlige Verzicht auf einen Soundtrack – zu hören sind lediglich Musikfetzen, die aus den Kulissen kommen – unterstreicht zusätzlich die Bedeutung des gesprochenen Wortes.

Zweifellos, ohne konstante Konzentration ist diesem Streifen kaum zu folgen. Doch der Aufmerksame wird belohnt: Der begrenzte Handlungsspielraum und die wenigen Charaktere geben Assayas ausreichend Raum, den Irrsinn des Filmbusiness, der Kulturszene und allem, was dazugehört (Internet, Paparazzi, Gossip), vorzuführen und zu zerlegen. Dabei erlebt Moretz alias Jo-Ann all das, was Stewart wahrscheinlich im realen Leben selbst erdulden musste, während die Binoche als Maria zunächst Desinteresse heuchelt, sich dann aber wunderbar über die im Netz abrufbaren Verfehlungen ihrer jungen Kollegin Jo-Ann amüsiert. Ja, Meta-Ebenen sind was Feines!

Was bleibt (klick HIER), ist ein anspruchsvolles, forderndes Drama, das von seinen starken Darstellerleistungen lebt und einen enthüllenden Blick nicht nur in die Seelen dreier interessanter Frauen, sondernd auch in das Leben von Schauspielern gibt und zeigt, wie sie sich ihren Rollen nähern.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in synchronisierter deutscher und in mehrsprachiger Originalfassung (Englisch, Deutsch & Französisch). Untertitel sind in deutsch vorhanden, ebenso wie eine Hörfilmfassung mit Untertiteln für Hörgeschädigte. Im Bonusmaterial finden sich ein Interview mit Regisseur Olivier Assayas sowie Trailer. „Die Wolken von Sils Maria“ erscheint bei NFP marketing & distribution/EuroVideo und ist seit 27. August 2015 erhältlich. (Packshot: FilmPressKit online/NFP; stills: FilmPressKit online/Pallas Film/NFP Carole Bethuel)

Dienstag, 25. August 2015

Heimkino-Tipp: „Robot Overlords“ (2014)

The Kids Are All Right

Mit dem wunderbaren „Grabbers“ bescherte Jon Wright der Filmwelt 2012 eine Science-Fiction-Komödie mit einer überaus rotzfrechen Prämisse: Was wäre, wenn Außerirdische die Welt angreifen und nur jene Menschen überleben, die genug Alkohol im Blut haben? Dummerweise fallen die Aliens ausgerechnet bei den trinkfesten Iren ein, was ihren Welteroberungsplänen prompt einen heftigen Dämpfer verpasst.

Nun legt Wright, natürlich ebenfalls ein waschechter Ire, sein nächstes Werk vor: „Robot Overlords“. Mit Gillian Anderson und Sir Ben Kingsley äußerst prominent besetzt, lässt er abermals extraterrestrische Wesen auf die Menschheit los – und zeigt, wie coole Kids den riesigen Robotern mit Cleverness, Charme und Humor eins auswischen.

Kate (Anderson) lebt mit ihrem Sohn Sean (Callan McAuliffe) und drei Waisen zusammen in einem Haus, das sie nicht verlassen dürfen. Seit außerirdische Roboter die gesamte Erde besetzt haben, ist es Menschen untersagt, nach Draußen zu gehen. Wer es doch wagt, wird dank Implantaten sofort aufgespürt und zu Staub verwandelt. Als es dem kleinen Connor (Milo Parker) gelingt, die am Körper befestigten Sensoren zu deaktivieren, begeben sich er, Sean und ein befreundetes Geschwisterpaar auf nächtliche Beutezüge. Schnell erwächst der Wunsch nach mehr und so überredet Sean seine Freunde, zusammen nach seinem Vater zu suchen, der sich irgendwo fernab der Stadt versteckt hält. Der Alien-Kollaborateur Smythe (Kingsley), der schon länger ein Auge auf die vermeintliche Witwe Kate geworfen hat, will das erwartungsgemäß um jeden Preis verhindern.

Ebenso wie „Grabbers“ ist „Robot Overlords“ eine vergleichsweise kleine Produktion. Doch auch wenn der Gigantismus der „Transformers“-Filme nie erreicht wird, verstecken müssen sich die Effekte in „RO“ nicht. Letztendlich dienen sie ohnehin nur als Beilage für den Abenteuertrip der jungen Clique, deren Mitglieder trotz lauernder Gefahren nie den Spaß an der Sache verlieren. Charakterlich etwas schwachbrüstig, sind sie doch unterschiedlich genug, um zu unterhalten und beim Zuschauer Sympathien zu wecken. Anderson und Kingsley ergänzen das Schauspiel-Ensemble formidabel und können sich ein leichtes Zwinkern in den Augen nicht verkneifen.

Trotz allem: ein Schenkelklopfer wie „Grabbers“ ist „RO“ nicht. Vielmehr ist es ein auf vornehmlich junges Publikum zugeschnittener Streifen mit ein wenig Action, ein wenig Drama, ä bissl Spannung und ganz viel klasse Akteuren. Nichts für die Ewigkeit, auf jeden Fall jedoch unterhaltsamer als die unzähligen überflüssigen „Transformers“-Fortsetzungen.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es ein Making of, ein kurzes Special über die Effekte sowie Trailer. „Robot Overlords“ erscheint bei Koch Media und ist seit 27. August 2015 erhältlich. (Packshot + stills: © Koch Media GmbH)

Mittwoch, 19. August 2015

Heimkino-Tipp: „Schändung“ (2014)

Dänische Delikatesse

Die Voraussetzungen sind schon mal optimal: die literarische Vorlage ein Bestseller, die erste Verfilmung ein internationaler Erfolg, das Team vor und hinter der Kamera wiedervereint. Die Folge: „Schändung: Die Fasanentöter“ entwickelte sich zum umsatzstärksten dänischen Film, den es bis dato im Land gegeben hat. Ein schönes Ergebnis – mit einem kleinen Haken: Der zweite Teil der sogenannten Q-Trilogie hinkt „Erbarmen“ (2013) arg hinterher.

Doch der Reihe nach: Inhaltlich knüpft „Schändung“ beinahe direkt an die Handlung des Vorgängers an und zeigt die beiden Polizisten Mørck (Nikolaj Lie Kaas) und Assad (Fares Fares) beim ‚Feiern‘ ihres Ermittlungserfolgs, der Befreiung einer entführten Politikerin. Schon auf dem Nachhauseweg wird Mørck von einem scheinbar verwirrten Mann angesprochen, der ihn bittet, den Tod seiner beiden Kinder noch einmal neu zu untersuchen. Als am nächsten Tag die Leiche des mysteriösen Herren gefunden wird, ist Mørcks Neugier geweckt und er beginnt einmal mehr, zusammen mit seinem Partner auf Spurensuche zu gehen.

Kritisierte ich bei „Erbarmen“ (Rezension HIER) noch die zu geringe Laufzeit sowie den daraus resultierenden stiefmütterlichen Umgang mit der Charakterzeichnung der Protagonisten, lässt „Schändung“ zunächst auf Besserung hoffen: ganze 120 Minuten stehen für Fall und Privatleben zur Verfügung, da müsste so etwas doch machbar sein? Aber Pustekuchen! Mehr als zwei kurze Szenen gönnt Regie-Wiederholungstäter Mikkel Nørgaard dem Sohn des Ermittlers nicht, Mørcks Mangel an Familiensinn ist so ausgeprägt wie zuvor. Stattdessen lässt er ihn eigenbrötlerisch gegen alles und jeden grummeln, als ginge es darum, Mørck um jeden Preis als Unsympath des Jahres darstellen zu wollen. Erst in Minute 90(!) gibt es einen Gefühlsausbruch und einen ehrlichen Blick in die Seele des misanthropischen Gutmenschen, der dem Zuschauer für zwei Minuten ein wenig über sein Innenleben offenbart. Schlimmer trifft es jedoch seinen Partner Assad: Zum Stichwortgeber degeneriert, darf er nun nicht einmal mehr Kaffee kochen (ein Running-Gag des ersten Teils), sondern lediglich das Auto fahren oder einer gefrusteten Hausfrau ein wenig Mitleid entgegenzwinkern. Das ist alles nahezu frevelhaft verschenkt, angesichts der Erwartungen, die „Erbarmen“ vor allem in Bezug auf die persönlichen Hintergründe der Figuren weckte.

Das Dilemma setzt sich beim eigentlichen Krimi-Plot fort: Die bekannte und im ersten Teil mit Bravour zum Spannungsaufbau genutzte Form der parallelen Erzählstränge wird abermals angewandt. Bedauerlicherweise läuft sie hier völlig ins Leere: Die von Mørck und Assad gesuchte Kimmie (Danica Curic) wird schon früh als gewaltbereite, zu allem fähige und vor allem (mit)schuldige Person eingeführt, sodass ihre Angst vor ihrem brutalen Ex („Borgen“-Star Pilou Asbæk) einzig Kommissar Mørck Sorgenfalten beschert – mir als Zuschauer hingegen ist ihr Schicksal angesichts der verabscheuungswürdigen Gräueltaten, an denen sie selbst beteiligt war, herzlich egal. Nicht der beste menschliche Zug meinerseits, ich weiß, aber vielleicht nachvollziehbar.

Stichwort Gewalt: Es ist in einem Kriminalfilm nicht unbedingt nötig, derart explizit sexuelle und physische Angriffe zu zeigen. Andeutungen sind manchmal mehr als genug. Mitunter wirken die hier zu sehenden Vergewaltigungen und Prügelattacken daher wie eine gewollte Provokation des Regisseurs, um seinem Werk noch den gewissen Kick zu geben. Unnötig und abstoßend.

„Schändung“ ist somit leider nur eine mittelmäßige Fortsetzung, die die inhaltlichen Versprechen des Vorgängers nicht einlösen kann und darüber hinaus nicht mehr als einen Standard-Kriminalfall zu bieten hat, der zudem spannungsarm präsentiert wird. Einzig die bis in die Nebenrollen sehr gut agierenden Darsteller wissen zu überzeugen, auch wenn ihren Figuren keinerlei charakterliche Tiefe, Veränderung oder Weiterentwicklung zugestanden wird. Das geht besser! Vielleicht in Teil 3?

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und in dänischer Originalfassung mit Untertiteln. Neben einem Making of sind im Bonusmaterial noch Interviews und Trailer zu finden. „Schändung“ erscheint bei NFP marketing & distribution im Vertrieb von Warner Bros. und ist seit 22. August 2015 erhältlich. (Packshot + stills: FilmPressKit online/NFP/Christian Geisnaes)

Sonntag, 16. August 2015

Heimkino-Tipp: „‘71“ (2014)

Man On The Run

Einer der großartigsten Songs der 1990er-Jahre ist zweifellos „Zombie“ von der irischen Band The Cranberries. Ihr wütendes und anklagendes Lied prangerte den bereits jahrzehntelang andauernden gewaltsamen Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken in ihrem Land an, und hat auch heute, 21 Jahre nach seinem Erscheinen, nichts an Brisanz und Kraft verloren.

„‘71“, das Langfilmdebüt von Yann Demange, wirkt nun wie eine cineastische Ergänzung zu jenem Song. Ähnlich grimmig, deutlich in seiner Aussage und lange nachwirkend, verdeutlicht das Thriller-Drama, wie ideologisch verblendet beide Konfliktparteien agieren und dass es eine klare Unterscheidung zwischen „gut“ und „böse“ hier nicht gibt.

Der junge britische Soldat Gary Hook (Jack O’Connell) wird gleich nach seiner Ausbildung ins nordirische Belfast versetzt, wo er Anfang der 1970er-Jahre den brüchigen Frieden in den Straßen der Stadt aufrecht erhalten soll. Hausdurchsuchungen und Patrouillen bestimmen den Alltag der unerfahrenen Männer, die bei ihrem ersten Einsatz unter anderem mit „Wasserbomben“ von Kindern beworfen werden – und sich zunächst darüber amüsieren, bis sie feststellen, dass diese Beutel Urin enthalten. So weit, so harmlos. Doch schon der nächste Auftrag endet im Chaos: Während ihre Vorgesetzten die Wohnung eines vermeintlichen IRA-Sympathisanten auf den Kopf stellen, und dabei äußerst rücksichtslos und brutal vorgehen, versammeln sich mehr und mehr Zivilisten um die ‚Eindringlinge‘. Verbalattacken folgen Handgreiflichkeiten folgen Steinwürfe folgen Warnschüsse. Kurz darauf ist einer von Hooks Kameraden tot. Er selbst kann zwar fliehen, wird dabei jedoch von seiner Einheit getrennt – und rennt mitten hinein in einen Stadtteil, in dem ihm alle feindlich gesinnt sind. Waffen- und orientierungslos versucht er in der nun anbrechenden Nacht, den Weg zur rettenden Kaserne wiederzufinden.

Lässt man beim Betrachten die historische Komponente außer vor, könnte „‘71“ das britische Pendant zu James DeMonacos Actionthriller „The Purge: Anarchy“ (Rezension HIER) sein. Darin entwarf der Filmemacher die Utopie einer amerikanischen Gesellschaft, die sich einmal jährlich für wenige Stunden alles erlauben darf – Gewalt, Mord, Anschläge – und dafür nicht bestraft wird. Wer sich nicht beteiligen will, sollte sich verstecken – ganz so, wie der Soldat Hook in diesem Film: Ihm sind die politischen Hintergründe ziemlich wurscht, einzig sein Überleben hat Priorität. Hinter jeder Hausecke einen potenziellen Gegner vermutend, schleicht er nachts durch die Straßen auf der Suche nach Hilfe. Regisseur Demange zieht die Spannung für seinen Streifen aus genau dieser Prämisse und zeichnet quasi ganz nebenbei ein erschreckendes Bild einer Gesellschaft, die (bis auf wenige Ausnahmen) bis ins Knochenmark von ihrem Hass geprägt ist, egal ob jung oder alt. Mittendrin junge Rekruten wie Hook, die als Kanonenfutter herhalten müssen, während ihre Vorgesetzten mit ihrem Handeln nur weiter Öl ins Feuer gießen.

Wie angedeutet, moralisierend und mit dem Zeigefinger schwingend ist dies alles nicht. So könnte der am kritischen Unterbau der Story weniger Interessierte „‘71“ auch schlicht als packenden Actionfilm genießen, denn inszenatorisch macht Demange alles richtig. Dazu ein Hauptdarsteller, der u.a. schon in „Mauern der Gewalt“ (Rezension HIER) seine Qualitäten andeutete, und inzwischen auch in Hollywood heiß gehandelt wird (Hauptrolle in Angelina Jolies „Unbroken“, demnächst neben George Clooney und Julia Roberts in „Money Maker“ unter der Regie von Jodie Foster).

Ergo: Ein großartiges Werk, das zu Recht mit etlichen internationalen Preisen (u.a. bei der Berlinale) in den unterschiedlichsten Kategorien überhäuft wurde.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Extras gibt es einen unkommentierten Blick hinter die Kulissen der Dreharbeiten, Promo-Interviews sowie Trailer. „‘71“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite) und ist seit 18. August 2015 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Ascot Elite)

Sonntag, 9. August 2015

Heimkino-Tipp: „A Most Violent Year“ (2014)

Hundstage

Drei Filme, drei Volltreffer: Nicht vielen Regisseuren ist heutzutage eine solche Erfolgsquote vergönnt, vor allem nicht im Haifischbecken Hollywood, vor allem nicht mit solch ungewöhnlichen Projekten, wie J.C. Chandor sie wählt: Während sein Debüt „Margin Call – Der große Crash“ eine verhängnisvolle Nacht bei einer amerikanischen Investmentbank thematisierte, handelte es sich bei seinem zweiten Werk „All is Lost“ um ein beinahe wortloses Ein-Personen-Stück über einen schiffbrüchigen Mann. Auch sein dritter Film, „A Most Violent Year“, sticht einmal mehr heraus – inhaltlich, dramaturgisch, optisch, schauspielerisch.

Abel Morales (Oscar Isaac) ist Geschäftsmann. Zusammen mit seiner Frau Anna (Jessica Chastain) führt er 1981 eine Heizölfirma in New York und plant nun, zu expandieren. Mit einem neuen Firmengelände, direkt am Hudson River gelegen, könnte er seine Kunden in der Großstadt direkt beliefern und wäre damit vor allem eine große Sorge los: die ständigen Überfälle auf seine Trucks. Als diese Überfälle kurz vor dem Kauf des Areals dazu führen, dass sich die Fahrer gegen seinen ausdrücklichen Willen bewaffnen, droht Abels gesamter Firma das Aus. Finanziell angeschlagen, mit einem Staatsanwalt im Nacken und einem polizeilich gesuchten Mitarbeiter auf der Flucht muss Abel sich eingestehen, dass er mit legalen Mitteln sein Unternehmen wohl nicht mehr retten kann.

1981 ging als das bisher gefährlichste in die Geschichte New Yorks ein. Nie zuvor war die Kriminalitätsrate derart hoch wie in jenem Jahr. Dass Autor/Regisseur Chandor eine Figur mit dem Namen Abel (von „able“: fähig) Morales (von „morals“: Moral) ausgerechnet in diese Zeit setzt, ist sicherlich kein Zufall. Sein Protagonist ist ein ehrenwerter Mann, der sich seinen Traum stets mit Intellekt statt mit Gewalt erfüllt hat und nun an einem moralischen Scheideweg steht. Oscar Isaac („Inside Llewyn Davis“) stellt diesen Charakter keineswegs als Naivling dar, sondern mit einer glaubhaften Mischung aus Durchsetzungsvermögen, Höflichkeit und Hilflosigkeit, der an seinen eigenen Grundsätzen zu scheitern droht. Neben ihm agiert eine nicht minder überzeugende Jessica Chastain („Zero Dark Thirty“) als Anna, deren warnende Worte an ihren Mann, „Du wirst nicht mögen was passiert, sobald ich involviert bin“, eine düstere Seite an ihr andeuten, die den Zuschauer erschaudern lässt.

„ A Most Violent Year“ ist Schauspielerkino der Extraklasse. Nicht nur aufgrund Isaacs optischer Ähnlichkeit mit dem jungen Al Pacino an die nüchternen US-Großstadtkrimis der 70er-Jahre erinnernd, bietet der Thriller fesselnde Dialoge, starke Figuren und einen Filmemacher in Topform, dessen Talent uns zweifellos noch viele großartige Kinoerlebnisse bescheren wird.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche und englische Untertitel. Das Bonusmaterial kommt auf stolze 75 Minuten und beinhaltet neben einem ausführlichen Making of mehrere kurze Featurettes, einen Audiokommentar vom Regisseur, gelöschte Szenen, Interviews sowie Trailer. „A Most Violent Year“ erscheint bei Universum Film und ist seit 7. August 2015 erhältlich. (Packshot + stills: © Square One/Universum Film)

Mittwoch, 5. August 2015

Heimkino-Tipp: „Operation Arsenal“ (2014)

Sich erheben, immer und immer wieder …

Am 1. August 1944 erhob sich die Bevölkerung Warschaus gegen seine deutschen Besatzer. 63 Tage lang kämpften die Widerständler unter der Führung der sogenannten Polnischen Heimatarmee, bevor sie, zahlen- und waffenmäßig unterlegen, kapitulieren mussten. Neben dem bereits im April 1943 stattgefundenen Aufstand im Warschauer Ghetto war dies ein weiterer Beweis für die Willenskraft der Polen, sich nicht kampflos der Nazidiktatur unterzuordnen. Wie bereits zwei Jahre zuvor, wurde auch die Rebellion von 1944 blutig niedergeschlagen und sofort auf unmenschliche Weise von den Deutschen „gerächt“.

Regisseur Robert Glinski hat den Hauptakteuren des ’44er Aufstands nun einen Film gewidmet. Basierend auf einem Tatsachenroman des polnischen Autors Aleksander Kaminski, der selbst Teil der Widerstandstruppe war, erzählt das Werk die Geschichte der Freunde Rudy (Tomasz Zietek), Alek (Kamil Szeptycki) und Zoska (Marcel Sabat), die trotz ständiger Repressionen und willkürlicher Tötungsaktionen in ihrer Heimatstadt die Besatzer mit kleinen Sabotageakten zu schwächen versuchen. Als Rudy geschnappt wird, beginnt für ihn ein tagelanges Martyrium aus Verhören und Folterungen durch die SS. Derweil entwickeln seine Freunde trotz begrenzter Mittel einen Plan, um ihn zu befreien.

Zweifellos: Die Aktionen und der Mut jener jungen Widerstandskämpfer verdienen Anerkennung. Der Film macht keinen Hehl daraus, wie viel Bewunderung die Macher für ihre (auf realen Personen beruhenden) Figuren empfinden. Sie werden als mutige, anfangs zögernde Helden dargestellt, die über sich hinauswachsen, um ihrem Land und ihrem Volk wieder so etwas wie Hoffnung zu geben, selbst wenn die tatsächliche Situation jedem Zivilisten das Gegenteil verdeutlicht. Vor allem die in der zweiten Hälfte des Films sehr explizit dargestellten „Befragungen“ von Rudy lassen keinen Zweifel daran aufkommen, welches Leid die Nazis den Menschen nicht nur in Warschau zugefügt haben.

Trotzdem will der Funke nicht so recht überspringen: Ob es an den zu perfekten Sets liegt? Sowohl Szenen auf Marktplätzen als auch in OP-Sälen wirken statisch, die Umgebung erscheint blitzblank, die Akteure agieren ein wenig zu steif. Hinzu kommt eine nur mangelhafte Einordnung der Ereignisse in das Weltkriegsgeschehen. Ein wenig mehr Hintergrundinformation, beispielsweise mit einer zusätzlichen Einblendung oder einem Off-Kommentar, wäre hier hilfreich gewesen. Wie erfolgreich waren die Widerständler insgesamt in Polen? Wurden sie von den Alliierten wahrgenommen oder gar unterstützt? Fragen, die unbeantwortet bleiben.

Vielleicht ist aber auch die musikalische Untermalung, die zunächst irritiert – den Protagonisten wird ein rockiges Thema gegönnt, das ein wenig zu oft zu hören ist -, später hingegen nur noch deplatziert wirkt: So gibt es einen Score-Titel, der eine Rede des Propagandaministers Goebbels quasi als Refrain nutzt und so zu einem ‚fetzigen Song‘ macht – völlig daneben.

Ein drittes Manko, für das freilich die Filmemacher nichts können, ist die Präsentation des Films auf der DVD-/Blu-ray-Verpackung. So wird der Streifen mit einem den Inhalt verfälschenden Cover und dem Untertitel „Schlacht um Warschau“ angepriesen, obwohl der korrekte Titel „Widerstand in Warschau“ lautet. Sehr ärgerlich!

Fazit: „Operation Arsenal“ ist ein auf ein junges Publikum zugeschnittenes Actiondrama, das eine wichtige historische Episode des polnischen Widerstandskampfes gegen die Nazis aufgreift, dabei jedoch leider nur wenig Tiefgang bietet. Inszenatorisch weitgehend okay, hätten die Helden von Warschau aber ein differenzierteres filmisches Denkmal verdient. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und polnischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Extras befinden sich Interviews und Trailer auf den Discs. „Operation Arsenal – Widerstand in Warschau“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite) und ist seit 4. August 2015 erhältlich. (Packshot + still: © Ascot Elite)