Donnerstag, 26. November 2015

Heimkino-Tipp: „The Railway Man“ (2013)

A Single Man

Manchmal verwundert es schon, wie lange qualitativ hochwertige Filme „auf Halde“ liegen, bevor sie unter anderem in Deutschland zu sehen sind. „The Railway Man“ ist so ein Fall: mit Colin Firth, Nicole Kidman sowie Stellan Skarsgård in den Hauptrollen überaus prominent besetzt, kommt das Drama in politisch und gesellschaftlich turbulenten Zeiten wie diesen jedoch nun gerade recht.

Basierend auf den Memoiren des Schotten Eric Lomax, einem Veteranen des Zweiten Weltkriegs, wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der dank der späten Liebe zu einer Frau lernt, sich den Dämonen seiner Vergangenheit zu stellen. Konkret jenen Ereignissen, die ihm und seinen Kameraden in jungen Jahren in japanischer Kriegsgefangenschaft widerfahren sind.

Für Eric (Firth) und seinen Freund Finlay (Skarsgård) waren das ‚Wegsperren‘ der Erinnerungen sowie die stille ‚Nicht-darüber-Reden‘-Vereinbarung bisher die besten Wege, die schlimmen Dinge von einst zu verdrängen. Als Eric eines Tages Patti (Kidman) kennenlernt und bald darauf heiratet, funktioniert diese Taktik nicht mehr. Zu oft sieht sie ihren Mann zusammenbrechen, hört ihn schweigen, dem Thema ausweichen. Um ihn und ihre Ehe zu retten, drängt sie Finlay dazu, sich ihr zu öffnen. Allerdings geht er noch einen Schritt weiter: Ihm gelingt es, Erics noch lebenden Folterer ausfindig zu machen. Mit einem Messer im Gepäck begibt sich Eric schließlich zurück nach Thailand, um seinem Peiniger 40 Jahre später gegenüberzutreten.

Rache? Vergebung? Anklage? Wie Eric selbst weiß auch der Zuschauer lange nicht, welchen Weg der gescholtene Ex-Häftling einschlagen wird, wenn er auf seinen einstigen Bewacher trifft. Bis es zu dieser Begegnung kommt, konzentriert sich Regisseur Jonathan Teplitzky auf das Innenleben seines gebrochenen Helden und zeigt nach einer charmanten, aber leider viel zu kurzen Exposition, bei der sich Eric und Patti näherkommen, dessen täglichen Kampf mit nie verheilten seelischen Wunden. Die großartige Kameraarbeit von Garry Phillips (siehe ebenso „Candy – Reise der Engel“, 2006) unterstreicht diese Szenen mit bedeutungsschwangeren Bildausschnitten und Blickwinkeln, während es hinter der meist regungslosen Fassade Firths’ brodelt und kocht. Ganz ganz wunderbar!

Wenn es einen Kritikpunkt gibt, dann ist es die Entscheidung der Filmemacher, einen elementaren Teil der Geschichte, die sich zwischen Eric und seinem alten Gegner (Hiroyuki Sanada) abspielt, auszusparen. Ohne die Storyüberraschung an dieser Stelle preiszugeben: Es gibt für beide ein Leben vor ihrer Begegnung und ein anderes danach. Aber gerade jene Dinge, die dazwischen geschehen, sind das Besondere und waren wahrscheinlich auch der Grund für alle Beteiligten, an „The Railway Man“ mitzuwirken. Gezeigt werden sie nicht. Das frustriert ein wenig, ändert jedoch nichts an der Aussage des Films, die – wie oben bereits erwähnt – gerade in stürmischen Zeiten wie diesen, die von weltweitem Terror, von Kriegen, Flucht, Vertreibung, Gewalt und Vorurteilen geprägt sind, sehr relevant ist.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es ein Making of, einen Audiokommentar sowie Trailer. „The Railway Man“ erscheint bei Koch Media und ist seit 26. November 2015 erhältlich. (Packshot + stills: © Koch Films/ Koch Media GmbH)

Mittwoch, 25. November 2015

Heimkino-Tipp: „Hedi Schneider steckt fest“ (2015)

Ausgetanzt

„Ich selbst habe eine Zeit lang unter einer Angst- und Panikstörung gelitten.“ Keine Frage, der neue Film von Sonja Heiss, „Hedi Schneider steckt fest“, ist ein sehr persönliches Werk. Das macht die Regisseurin in einem Begleitwort zu ihrem irgendwo zwischen Tragikomödie und Familiendrama angesiedeltem kleinen Schmuckstück sehr deutlich. Der passende 90-Minüter zur Herbstdepression sozusagen – und doch so leichtfüßig und unaufdringlich wie ein warmer Sommerregen.

Doch genug der sprachlichen Bilder! Was zählt, is’ auf’fer Leinwand. Und das ist bemerkenswert: Laura Tonke („Pigs will fly“, „Im Schwitzkasten“) spielt die lebenslustige Protagonistin Hedi, die ihrem grummeligen Kollegen ebenso ungezwungen und sympathisch-frech begegnet wie der perplexen Stimme vom Notdienst, den sie beim Ausfall des Bürofahrstuhls anruft. Zuhause ist sie gleichsam verspielte Mutter für Finn (Leander Nitsche) wie sexy Ehefrau für Uli (Hans Löw) und mit ihrem Leben so wie es ist eigentlich zufrieden. Bis sie eines Abends eine Panikattacke hat. Die weitet sich in den kommenden Tagen zu einer handfesten Krise aus und schon bald ist an einen ‚normalen‘ Familienalltag nicht mehr zu denken. Als sich Hedis Zustand nach wochenlanger Krankschreibung nicht bessert und Uli daraufhin ein lukratives Jobangebot ausschlagen muss, steht die Beziehung der beiden sowie ihre gesamte gemeinsame Zukunft plötzlich auf der Kippe.

Um der Gefahr des, nennen wir es abwertend „Depri-Kinos“ zu entgehen, wartet Sonja Heiss gleich mit zwei Jokern auf: einer äußerst sympathischen Hauptfigur und einer Darstellerin, die diese Person mit Charme, Mut und bemerkenswert unangestrengt zum Leben erweckt: Laura Tonke. So viele Jahre ist die gebürtige Berlinerin nun schon im Filmbusiness aktiv und hat in unzähligen Rollen ihr Können bewiesen. Diese Hedi Schneider aber könnte nun ihr Meisterstück sein. Tonke gelingt es vorzüglich, diese Frau, deren Leben sukzessive auseinanderfällt, verletzlich und doch würdevoll darzustellen. Ihre Hedi ist speziell und eigensinnig und doch niemals unsympathisch oder egoistisch. Eine außergewöhnliche Leistung, zumal der Film mit der Glaubwürdigkeit dieser Figur steht und fällt.

Ein weiterer Trumpf des Drehbuchs von Heiss ist zudem, dass sie ihrer kleinen, hier präsentierten Familie nichts Überkonstruiertes oder Abenteuerliches vor die Füße wirft. Nein, der äußerliche Alltag der drei ändert sich kaum, währenddessen es im inneren Kreis jedoch immer mehr zu Brodeln beginnt. Die schleichenden Veränderungen geschehen lediglich im Zusammenleben und verdeutlichen sehr präzise die Zerbrechlichkeit einer zuvor scheinbar stabilen und glücklichen Ehe. „Ich wollte von der Fragilität einer großen Liebe erzählen, indem ich sie durch die plötzliche Schwächung einer der Liebenden in ein gefährliches Ungleichgewicht bringe.“, sagt Heiss im Presseheft zum Film. „Immerhin ist der Mensch, den man liebte, respektierte, bewunderte irgendwie weg. Da ist jetzt jemand, der seine Stärke, seinen Mut, seinen Intellekt, seine Neugier, seinen Humor, seine Empathie, seine Körperlichkeit verloren hat.“

Was also tun und wie darauf reagieren? Heiss verweigert sich erfreulicherweise einfachen Lösungsvorschlägen, wie sie beispielsweise Hedis Mann (Selbsttherapie im U-Bahnhof) oder ihre Mutter („kalt duschen, viel essen“) vorschlagen. Stattdessen gibt es die bedrückende Erkenntnis, dass eine psychische Erkrankung, so wie Hedi sie überkommt, jeden jederzeit und überall treffen kann. Egal ob Griesgram oder Gute-Laune-Mensch, der Abgrund, an dem sich unsere optimierten, durchorganisierten und auf ständiges Funktionieren ausgerichteten Leben entlang hangeln, ist nah – und verdammt tief.

Der Film erscheint auf DVD/Blu-ray in deutscher Sprachfassung mit optionalen deutschen Untertiteln für Hörgeschädigte sowie einer Audiodeskription für Sehbehinderte. Als Extras gibt es gelöschte und verpatzte Szenen sowie Trailer. „Hedi Schneider steckt fest“ erscheint bei Pandora Filmverleih/Alive und ist ab 27. November erhältlich. (Packshot + stills: © Komplizen Film/Pandora Filmverleih)

Freitag, 6. November 2015

Heimkino-Tipp: „Trash“ (2014)

Paradise Lost

Die Assoziationen liegen auf der Hand: Wer nach dem achtfachen(!) Oscar-Preisträger „Slumdog Millionär“ einen Film über das abenteuerliche Leben von Kids aus einem Favela präsentiert, muss sich zwangsläufig mit Danny Boyles Meisterwerk messen lassen. Sein britischer Landsmann Stephen Daldry, selbst bereits drei Mal für einen der begehrten Goldjungen nominiert (u.a. für „Der Vorleser“), ging das Wagnis ein, reiste ans andere Ende der Welt und legt mit „Trash“ nun einen Streifen vor, der der fiebrigen Energie von Boyles Werk, dessen Realitätsnähe und dem Spagat zwischen Unterhaltung und Anklage ins nichts nachsteht.

Der 14-jährige Rafael (Rickson Tevez) und seine Freunde Gardo (Eduardo Luis) und Rato (Gabriel Weinstein) leben in der Nähe einer riesigen Müllhalde in Rio de Janeiro, auf der sie als Sammler versuchen, ein wenig Geld zu verdienen. Eines Tages findet er ein Portemonnaie, das der wohlhabende José (Wagner Moura) kurz vor seiner Verhaftung auf einen Mülltransporter geworfen hat. Es dauert nicht lang, und die Polizei erscheint vor Ort, um die kleine Ledertasche an sich zu nehmen – falls sie sie aufspüren. Rafael jedoch ahnt, dass er etwas Außergewöhnliches in den Händen hält und beginnt, den Notizen und Hinweisen, die er im Portemonnaie entdeckt, zu folgen. Ein gefährliches Unterfangen, denn das Leben eines schwarzen Waisen ist in seinem Land offenbar nicht viel wert.

Sonnenschein, starke, kräftige Farben und lebenslustige Jungs, die trotz ihres bescheidenen Daseins nie den Optimismus verlieren: Was wie ein Gute-Laune-Film aussieht, ist unter seiner schön anzusehenden Oberfläche ein brutal-anklagendes Statement gegen Korruption, Machtgier und staatliche Willkür. Ungeschönt, drastisch und in Teilen gar dokumentarisch anmutend begleitet „Trash“ die Odyssee dreier Kinder, die in einer scheinbar erbarmungslosen, unerbittlichen Welt aufwachsen müssen und dabei zufällig ins Visier von Verbrechern im Auftrag des Staates gelangen. Einzig das Zuhause von Pater Juilliard (Martin Sheen) und seiner Assistentin Olivia (Rooney Mara), die ehrenamtlich vor Ort tätig sind, sind für die Jungs kleine Oasen des Friedens, die ihnen wenig später jedoch ebenso unbarmherzig genommen werden sollen.

Bei aller Tragik und Scheußlichkeit gelingt es Daldry aber dennoch, auch einen packenden Thriller zu kreieren, der Sozialkritik mit Spannung und Action zu würzen weiß. Anspruchsvolles Unterhaltungskino also, das einen erhellenden Blick auf eine Welt abseits unserer Vorzüge hier in Europa zeigt und daran erinnert, wie wichtig es ist, die Hoffnung auf ein besseres Leben nie aufzugeben.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter, in englischer und in mehrsprachiger Originalsprachfassung. Untertitel, u.a. deutsch und englisch, sind vorhanden, Bonusmaterial hingegen nicht. „Trash“ erscheint bei Universal Pictures Germany GmbH und ist seit 29. Oktober 2015 erhältlich. (Packshot: © Universal Pictures)