Donnerstag, 28. April 2016

Heimkino-Tipp: „The Dressmaker“ (2015)

„I’m back, you Bastards!“

Mein lieber Scholli, das nenn ich mal einen – Verzeihung – saugeilen Filmbeginn: Da steht die bezaubernde Kate Winslet alias Myrtle ‚Tilly‘ Dunnage aufgebrezelt inmitten eines australischen Kaffs, zündet sich gar nicht ladylike eine Zigarette an (wir schreiben das Jahr 1951!) und spukt mal eben diesen Satz aus. Nein, eine „romantische Komödie in der Tradition von ‚Chocolat‘“, wie es die Inhaltsangabe auf der DVD-/Blu-ray-Hülle verspricht, wird das definitiv nicht. Ein Segen, denn was Regisseurin Jocelyn Moorhouse („Ein amerikanischer Quilt“, „Tausend Morgen“) und ihr Autor P. J. Hogan nach einer Vorlage von Rosalie Ham hier präsentieren, könnte von einer klassischen Romanze nicht weiter entfernt sein.

Tilly (Winslet) kehrt nach vielen Jahren in ihr Heimatörtchen zurück, dem sie als Kind gewaltsam entrissen wurde. Der Tod eines Mitschülers wurde ihr zur Last gelegt, Tilly daraufhin auf ein weit entferntes Internat geschickt. Nun möchte die in Paris ausgebildete Schneiderin herausfinden, was damals tatsächlich geschah und ob sie die alleinige Schuld an dem Unfall trägt. Zudem wohnt ihre Mutter Molly (Judy Davis) noch immer hier und könnte zwei helfende Hände im Haushalt gebrauchen – zumindest lässt das der Zustand ihres Hauses erahnen. Kaum ist Tilly wieder im Ort, tuschelt sich die Gemeinde etwas von Hexerei und Fluch zurecht – bis sie Tillys Talent für schöne Kleider entdeckt. Fortan stehen die Damen und Herren von Dungatar vor ihrer Tür Schlange, um sich neue Garderobe schneidern zu lassen. Doch Tilly mag ihren Mitmenschen nach Außen hin vergeben haben – vergessen hat sie nichts.

Was sich zunächst entwickelt wie eine von unzähligen „schwarzes Schaf kehrt geläutert in ihre Heimat zurück“-Geschichten, wie sie allwöchentlich im deutschen TV zu sehen sind, ist unter der braven Oberfläche eine gut beobachtete, detaillierte und wunderbar böse Abrechnung mit Spießigkeit, Vorurteilen und Charakteren, die ihre Nachbarn nur so lange mögen, wie sie ihnen etwas nützen. Dazu gesellt „The Dressmaker“ eine Vielzahl von beinahe surrealen Figuren, die alle einen speziellen Tick haben und herrlich überzeichnet sind. Bestes Beispiel dafür ist die von Hugo Weaving verkörperte Figur des Sheriffs, die eine heimliche Leidenschaft für Haute Couture hat und schon beim Berühren bestimmter Stoffe auf sympathische Weise ausflippt.

Natürlich kommt im weiteren Verlauf noch eine Romanze mit ins Spiel, die allerdings allein aufgrund des Altersunterschieds von Kate Winslet zu Liam Hemsworth alias Teddy, der laut Drehbuch mit Tilly in eine Klasse ging, ebenso satirisch wirkt, wie die meisten anderen Charaktere. Doch ist es diese Liebesgeschichte, die dem Film im letzten Drittel eine interessante und – zumindest für mich – unerwartete Wendung beschert.

Fazit: „The Dressmaker“ ist eine sehr unterhaltsame Komödie mit großartigen Wortgefechten, viel Augenfutter (tolle Kleider, heißer Hemsworth, göttliche Winslet) und einer doppelbödigen Geschichte, die in diverse Richtungen ordentlich austeilt. Fantastique!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Extras gibt es Interviews, kurze Making of-Clips, Szenen vom Dreh sowie Trailer. „The Dressmaker – Die Schneiderin“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite) und ist seit 29. April 2016 erhältlich. (Packshot + stills: © Ascot Elite)

Mittwoch, 27. April 2016

Heimkino-Tipp: „Knock Knock“ (2015)

Wild Things

Beurteile einen Regisseur nie nur anhand seiner Arbeit. Ein Grundsatz, den ich seit einer persönlichen Begegnung mit Eli Roth sehr beherzige. Denn obwohl ich seinen beiden Filmen „Hostel“ (2005) sowie „Hostel 2“ (2007) nur in einer Art Hassliebe verbunden bin, schätze ich den (Privat-)Mann für seinen Humor, seine Professionalität und sein Filmnerd-Dasein. Mit „The Green Inferno“ (2013) und „Knock Knock“ hat er zudem nun endlich auch ein Qualitätslevel erreicht, das mir sehr viel mehr zusagt als der oben benannte Torture-Porn-Kram.

Zugegeben, „The Green Inferno“, das den ungeplanten Aufenthalt junger Aktivisten bei einem Kannibalen-Stamm thematisiert, spart ebenfalls nicht mit Ekel-Effekten. Allerdings ist der Film drumherum – bezogen auf die Umsetzung – sehr viel schöner anzusehen als z.B. „Hostel“. Eine Richtung, die Roth für „Knock Knock“ beibehält und sogar noch mit einem echten Hollywood-Star garniert: Keanu Reeves spielt den bedauernswerten Mann, der zwei Sirenen (Lorenza Izzo, Ana de Armas) erliegt, die ihm nach einer Liebesnacht böse mitspielen.

Dabei versucht Evan (Reeves) zunächst alles, um das Schäferstündchen zu verhindern: Während seine Familie einen Wochenendausflug unternimmt, sitzt der Architekt Zuhause am Schreibtisch und werkelt an einem Entwurf. Mitten in der Nacht stehen plötzlich Genesis und Bell vor seiner Tür und bitten um Hilfe. Evan lässt die beiden hübschen Mädchen herein, gemeinsam warten sie auf das bestellte Taxi. Diverse Annäherungsversuche der Girls ignoriert er zunächst so gut er kann. Doch beim Betreten des Badezimmers passiert es: Genesis und Bell verführen ihn, bleiben über Nacht – und weigern sich am nächsten Morgen, das Haus zu verlassen. Der Beginn eines schmerzhaften Tages für den immer nervöser werdenden Evan.

„Knock Knock“ ist ein Remake des Thrillers „Tödliche Spiele“ (OT: „Death Game“) aus dem Jahr 1977. Beide Hauptdarstellerinnen des Originals wirkten in Roths Version als Produzentinnen mit, gaben seiner Neuauflage somit ihren Segen. Und Roth macht das Beste daraus: Schon in den ersten Minuten verdeutlicht er, wem die Sympathien des Publikums gelten sollen: Reeves’ Evan ist ein fürsorglicher, nachsichtiger und höflicher Mensch, dem seine Familie sehr am Herzen liegt. Selbst dem lolitahaften, provozierenden Verhalten seiner spät(er)en Gäste begegnet er besonnen und zurückhaltend – zumindest lässt das die Inszenierung den Zuschauer glauben. Die Verführerinnen werden als das gezeigt, was sie sein sollen: heiß, sexy, anzüglich, hemmungslos.

Das einzig tiefgründige in „Knock Knock“, das wird schnell klar, sind tatsächlich die gewählten Kameraperspektiven, die Evans „schwach werden“ im Bad sehr nachvollziehbar verdeutlichen. Da stört es fast ein schon wenig, wenn das Drehbuch der quirligen Bell im weiteren Verlauf – quasi als „Freibrief“ für ihr Tun – eine traurige sexuelle Erfahrung in der Kindheit andichten will, nur um diese dann inhaltlich schnell wieder fallen zu lassen. Abgesehen davon zieht Roth jedoch die Daumenschrauben bezüglich der Spannung kontinuierlich an und lässt seinen männlichen Protagonisten gleich mehreren Katastrophen ins Auge blicken: Gewalt und Schmerz, Furcht und Angst, Hilflosigkeit und Scham.

Sicherlich, einer genaueren Analyse der Logik hält das Skript nicht stand. Für eine kleine, unterhaltsame und fiese Lehrstunde in Sachen Treue und Willensstärke eignet sich „Knock Knock“ aber allemal.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche und englische Untertitel. Als Extras gibt es ein Making of, eine entfallene Szene, einen Audiokommentar sowie Trailer. „Knock Knock“ erscheint bei Universum Film/SquareOne und ist seit 29. April 2016 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Universum Film GmbH)

Sonntag, 24. April 2016

Heimkino-Tipp: „Go Trabi Go“ (1991)

Easy Riders

Kaum etwas anderes versinnbildlicht die DDR derart treffend wie ein Trabant. Der „Volkswagen“ der Ostdeutschen bestand aus ungewöhnlichen Materialien, war reparaturanfällig und doch unkaputtbar, belastete die Umwelt und wurde doch – auch aus Mangel an Alternativen – von seinen Besitzern geschätzt und gepflegt. Regisseur Peter Timm, 1950 in Ostdeutschland geboren, jedoch wegen systemkritischen Denkens in den 1970er-Jahren aus der DDR ausgewiesen, nutzte diese Metapher für einen der bis heute erfolgreichsten und gelungensten „Wendefilme“ des wiedervereinigten Deutschlands: „Go Trabi Go“.

Im Mittelpunkt steht darin die ostdeutsche Familie Struutz aus Bitterfeld, die kurz nach dem Mauerfall ihre erste Reise ins westliche Europa antritt. Auf den Spuren von Goethes „Italienischer Reise“ starten Papa Udo (Wolfgang Stumph), Mama Rita (Marie Gruber) sowie Tochter Jaqueline (Claudia Schmutzler) in ihrem geliebten Trabbi „Schorsch“ Richtung Neapel und erleben dabei etliche aufregende Abenteuer. Sei es der Besuch bei den Westverwandten in Bayern (Ottfried Fischer, Billie Zöckler), die Begegnung mit der harten Marktwirtschaft in einer Werkstatt, der Flirt der beiden Damen mit italienischen Schönlingen oder die Odyssee durch das riesige Rom. Dass diese Ereignisse nicht spurlos an den Sachsen vorübergehen, verdeutlichen auch die Leiden des jungen Schorsch, der trotz aller Widrigkeiten und Beschädigungen nicht von der Seite seiner Besitzer weicht – und tapfer weiter fährt.

Keine Sorge, Trabbi Schorsch ist kein zweiter Käfer Herbie mit eigenem Bewusstsein, sondern vielmehr ‚nur‘ das inoffizielle vierte, vierrädrige Familienmitglied. Trotzdem dokumentiert (nicht persifliert!) die innige Liebe von Papa Struutz zu seinem Auto eine nicht ganz realitätsferne Beziehung, die einige DDR-Bürger – und ich spreche hier aus eigener Erfahrung – tatsächlich zu ihrem Gefährt hatten. Denn ein Auto galt sowohl als Statussymbol als auch als Geldanlage und bot zudem ein Stückchen Unabhängigkeit in der tristen, als Republik getarnten Diktatur. So verwundert es kaum, dass jede Schramme, die Schorsch im Film erleidet, Udo das Herz bluten lässt.

Nun könnte man vortrefflich darüber streiten, ob einige der „Wessis“ im Film bewusst negativ dargestellt werden. So „verstecken“ unter anderem die Verwandten in Regensburg zunächst die Torte, als die „Ossis“ überraschend vor der Tür stehen, versucht eine Werkstatt-Chefin, ihre ostdeutschen Kunden über den Tisch zu ziehen, und probiert sich ein Playboy daran, die süße Jaqueline mit Geld für sich zu gewinnen. Interessant liest sich dazu ein aktueller Kommentar von Konstantin Wecker, der eben jenen Playboy in einem Kurzauftritt spielte, und den Westdeutschen zumindest in den Wendejahren schon eine gewisse „Überheblichkeit“ zuschreibt, wenn es um die Beurteilung der „naiven“ Ostdeutschen ging. Dass der Film gleichzeitig in etlichen Szenen die Hilfsbereitschaft der Gastgeber betont, wird leider oft übersehen.

Unabhängig von dieser Diskussion ist Peter Timm, der 1991 ebenfalls „Manta – Der Film“ (nicht „Manta, Manta“ von ‘92) inszenierte, jedoch eine wunderbare Komödie gelungen. Sind es für ehemalige DDR-Bürger vornehmlich die treffend formulierten Alltagserlebnisse und -erfahrungen, dürften sich Zuschauer aus der BRD wohl vor allem über die Sprache und die ständige Überforderung der Hauptfiguren mit den Annehmlichkeiten und Realitäten des Westens amüsieren.

Mit etwa 1,5 Millionen Zuschauern in Gesamtdeutschland leistete „Go Trabi Go“ zweifellos einen wichtigen humoristischen Beitrag zur gesellschaftlichen Wiedervereinigung. Was die Dreharbeiten zudem für die drei Hauptdarsteller bedeuteten, verdeutlicht die Dokumentation „Go Trabi Go Forever“, in der Wolfgang Stumph 25 Jahre später noch einmal die Drehorte und einige Kollegen besucht, und die nun erstmals als Bonus auf der Neuveröffentlichung des Films enthalten ist: Die DDRler Stumph, Gruber und Schmutzler reisten nämlich 1990 ebenso wie Familie Struutz erstmals nach Italien und erlebten die offizielle deutsche Wiedervereinigung am 3. Oktober nur aus der Ferne. Oder wie sie es sinngemäß selbst formulieren: Als DDR-Bürger das Land verlassen, als BRD-Bürger zurückgekehrt.

Ebenfalls in der neuen Edition enthalten ist der zweite Teil, „Go Trabi Go 2 – Das war der wilde Osten“ aus dem Jahr 1992. Der Versuch einer Satire über den Einzug des Kapitalismus in die neuen Bundesländer scheitert jedoch an fehlendem Witz und einer trägen Umsetzung. Immerhin: Die Entscheidung der Macher, das Konzept des Vorgängers völlig zu ignorieren und ein neues Kapitel im Leben der Familie Struutz zu erzählen, ist bemerkenswert mutig und einen Blick wert.

Die DVD/Blu-ray-Box bietet „Go Trabi Go“ sowie „Go Trabi Go 2 – Das war der wilde Osten“ in original deutscher Sprachfassung. Untertitel sind ärgerlicherweise keine vorhanden. Als Extra gibt es die einstündige Dokumentation „Go Trabi Go Forever“, die einen interessanten Rückblick auf die Dreharbeiten bietet. „Go Trabi Go 1 + 2“ erscheinen nur im Doppelpack bei EuroVideo Medien und sind seit 21. April 2016 erhältlich. (Packshot + stills: EuroVideo)

Montag, 4. April 2016

... im Nachgang: „Zoomania“ (Kinostart: 3. März 2016)

Der momentane Dauerbrenner in den Kinos, kommentiert von ... ach, lest selbst! Und zwar HIER! Von mir stammt der Contra-Teil des Textes.

(Plakat: © 2016 The Walt Disney Company (Germany) GmbH)