Dienstag, 25. Oktober 2016

Heimkino-Tipp: „Schrotten!“ (2016)

Lieber tot als Sklave!

Der wunderbare Frederick Lau scheint ein Faible für erinnerungswürdige Rollennamen zu haben. Anders ist es nicht zu erklären, dass er wahlweise als ‚Sonne‘ („Victoria“, 2015), ‚Martini‘ („Wie Männer über Frauen reden“, 2016) oder, wie hier im Film „Schrotten!“, als ‚Letscho‘ auftritt. Mit gerade einmal 27 Jahren kann der gebürtige Berliner bereits auf eine beeindruckende Filmografie zurückblicken, der er mit „Das kalte Herz“, momentan im Kino zu sehen, gerade wieder ein neues Kapitel hinzufügt.

Doch zurück zu Letscho. Der wird aufgrund des überraschenden Todes seines Vaters Chef der Schrottplatz-Dynastie Talhammer mit eigenem Anwesen. Auf das ist schon seit langem Konkurrent Kercher (Jan-Gregor Kremp) scharf, der rundherum bereits sämtliche Schrottplätze aufgekauft hat und von den knappen Kassen der Talhammers weiß. Aber Letscho wäre „lieber tot als Sklave“ und denkt gar nicht daran, das Familienunternehmen aufzugeben. Dummerweise entscheidet er das nicht allein. Denn Papa Talhammer hat die Hälfte seines Besitzes Sohn Nr. 2 vermacht: Mirko (Lukas Gregorowicz). Der hat sich schon vor Jahren vom Provinz- und Schrottsammel-Leben losgesagt und als Anzugträger in Hamburg Karriere gemacht – oder es zumindest versucht. Das Geld aus dem Verkauf des Anwesens käme ihm daher sehr gelegen. Es dauert nicht lange und die beiden grundverschiedenen Brüder geraten aneinander. Die Lösung: Letscho und seine Sippe zahlen Mirko aus und das Thema ist vom Tisch. Als Mirko jedoch erfährt, wovon er ausgezahlt werden soll, wird es abenteuerlich. Denn um an Geld zu kommen, soll Kercher mal eben ein Zugwaggon voll Kupfer stibitzt werden.

Nein, so clever wie die Truppe von Danny Ocean sind die Talhammers nicht. Aber sie haben ihr Herz am rechten Fleck, was es ungemein einfach macht, diese Kerle und Mädels zu mögen. Mittendrin Lau und Gregorowicz als Geschwisterpaar mit herrlich gegensätzlichen Ansichten von der Welt, der Karriere und der Art, sein Frühstück zu genießen.

Regisseur und Autor Max Zähle (Oscar-nominiert für den Kurzfilm „Raju“, 2011) hat mit „Schrotten“ einen wunderbar sympathischen, rotzfrechen Film geschaffen, der zwar nicht viel Neues über Familienbanden erzählt, dies jedoch mit Witz, coolen Typen und einem kleinen Stinkefinger Richtung Establishment sehr professionell überspielt. Die unschönen Seiten des nahenden Bankrotts auf der einen und den Zwängen der Anpassung auf der anderen Seite lässt er dabei fast gänzlich außen vor, sodass dem Film bei aller Realitätsnähe stets ein leichter Ton erhalten bleibt.

Und vielleicht ist das ja auch die richtige Herangehensweise an viele Herausforderungen des Lebens: Nimm’ es mit Humor, denn der Alltag ist grau genug.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in original deutscher Sprachfassung und als Hörfilmfassung. Untertitel in deutsch für Hörgeschädigte sowie in englisch sind ebenso vorhanden (sehr vorbildlich!). Als Extras sind ein Musikvideo, gelöschte Szenen und Trailer mit dabei. „Schrotten!“ erscheint bei Port au Prince Pictures GmbH/Lighthouse und ist seit 21. Oktober 2016 erhältlich. (Packshot + stills: © Port au Prince Pictures)

Freitag, 21. Oktober 2016

Heimkino-Tipp: Desierto (2015)

Land of the Dead

Ein bewaffneter Amerikaner macht an der Grenze zu Mexiko Jagd auf illegal eingereiste Flüchtlinge. Aus dieser einfachen, aber politisch aufgeladenen Prämisse kreiert Jonás Cuarón sein Filmdebüt „Desierto – Tödliche Hetzjagd“. Entstanden ist ein grimmiger 90-Minüter, der bis auf zwei charismatische Hauptdarsteller ebenso öde ist wie die Wüstenlandschaft, in der die Figuren aufeinandertreffen.

Mitten im Nirgendwo streikt der Laster eines mexikanischen Schleusers und die Insassen sind gezwungen, ihre Reise per pedes fortzusetzen. Unter ihnen befindet sich auch Moises (Gael García Bernal), der, wie wir später erfahren, schon einmal in den USA gelebt hat und aufgrund einer nicht näher erläuterten Meinungsverschiedenheit mit einem Polizisten ausgewiesen wurde. Nun möchte er zu seiner in Nordamerika lebenden Familie zurück und wählt dafür den riskanten Weg über die natürliche, aber illegale Grenze. Als er während des langen und kräftezehrenden Marschs mit Anderen aus der Truppe zurückfällt, rettet ihnen das das Leben – zumindest vorerst. Denn sie werden Zeugen, wie ein Scharfschütze (Jeffrey Dean Morgan) von einem Hügel aus Alle niedermäht, die ihm vor die Flinte kommen. Seinem treuen Jagdhund bleiben die fünf verschreckten Flüchtlinge, zu denen auch Moises zählt, jedoch nicht verborgen. Ohne zu wissen, wo sie sich befinden, rennen sie fortan um ihr Leben, erbarmungslos verfolgt von Sam, dessen Gewehr und einem überaus cleveren Vierbeiner.

Es ist nicht die karge Geschichte, die „Desierto“ mit zunehmender Laufzeit so zäh macht. Denn obgleich sich bis auf eine kurze Episode im Mittelteil das Kräfteverhältnis zwischen Täter und Opfer kaum verändert, gelingt es Regisseur und Co-Autor Cuarón, die Wüste beeindruckend in Szene zu setzen. Sie spiegelt mit ihrer schroffen Felsenlandschaft, den Kakteenfeldern sowie der unbarmherzig brennenden Sonne sehr deutlich die Ausweglosigkeit und Gefühlskälte wieder, mit der die Einwanderer von dem selbsternannten Grenzsheriff ‚empfangen‘ werden.

Allerdings versäumt es das Drehbuch komplett, den handelnden Personen zumindest einen Hauch von Tiefe zu geben. Stattdessen gestalten sich die wenigen erhellenden Momente zur Charakterisierung derart widersprüchlich, dass es nur noch ärgerlich ist. Beispiele gefällig? (1) Moises wird anfangs als nachsichtiger, aufmerksamer und helfender Charakter eingeführt, der einen Grabscher in die Schranken weist und einem weniger fitten Flüchtling zuliebe den Gruppenanschluss sausen lässt. Später im Film ist ihm jedoch eine verletzte Frau völlig egal und er sucht das Weite, wohlwissend, dass sie in den nächsten fünf Minuten von Sam gefunden werden wird. (2) Jener Sam grummelt beim Lagerfeuer etwas über seinen Hass auf „dieses Land“, das er früher einmal geliebt habe. Seltsamerweise steht das aber nicht im Widerspruch zu seinen brutalen Taten – der „Verteidigung“ eben jener ungeliebten USA. (3) Ohne zu wissen, wo sich sein Verfolger befindet, ruht sich Moises zwischendurch auf(!) einem Hügel aus und präsentiert sich damit quasi auf dem Silbertablett. (4) Dass er in diesem Moment nicht erschossen wird, ist der irrationalen Entscheidung von Sam geschuldet, seine Jagd spontan zu unterbrechen, obwohl sich die noch übrig gebliebenen Flüchtlinge in Hörweite befinden.

Unabhängig von den hier aufgezählten Drehbuchentscheidungen, die scheinbar einzig dazu dienen, die Filmlaufzeit zu strecken, riskiert Cuarón zusätzlich noch etwas sehr Beunruhigendes: Da den Flüchtlingen im Film keinerlei Background zugestanden wird – außer Moises, dessen angedeuteter Streit mit einem Cop die Fantasie anregt – und Sam eiskalt und präzise wie ein Soldat im Kriegseinsatz handelt, hält sich die Empathie beim Zuschauen in Grenzen. Polemisch formuliert könnten (Konjunktiv!) die Mexikaner allesamt böse Buben mit finsterer Agenda sein. Ihr Gegner hingegen nuckelt zwar hier und da an einer Whiskyflasche, verurteilt wird sein Handeln aber in keiner Szene. Selbst der offizielle Grenzposten, dem er zu Beginn begegnet, nennt ihn ein Arschloch, nachdem er Sam auf sein Waffenarsenal in seinem Jeep angesprochen hat. Soll heißen: Obwohl er von Anfang an suspekt auftritt, kommt er mit seinen Taten durch. Ich will mir nicht vorstellen, wie dieser Charakter in konservativen oder gar rechtsradikalen Kreisen möglicherweise abgefeiert wird.

Das sind klare Versäumnisse eines versierten Filmemachers (Cuaróns Vater ist Oscar-Preisträger Alfonso C.; zusammen inszenierten sie „Gravity“). Sie machen „Desierto“ nicht zu einem „ehrlichen Zeitdokument über aktuelle Geschehnisse“, sondern vielmehr zu einem unreflektierten Blutfest, das sich jeder Erklärung verweigert und die Angst der Flüchtlinge letztendlich nur dazu nutzt, Spannung für den im bequemen Kinosessel sitzenden, Popcorn futternden Zuschauer zu erzeugen. Ein Film, der möglicherweise aufrütteln soll, aufgrund von inhaltlichen Nachlässigkeiten und zu offensichtlichen Wendungen allerdings eher Gefahr läuft, aus völlig falschen Gründen bejubelt zu werden.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englisch/spanischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel. Als Bonus befinden sich lediglich Trailer auf den Discs. „Desierto – Tödliche Hetzjagd“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite) und ist seit 21. Oktober 2016 erhältlich. (Packshot + stills: © Ascot Elite)

Dienstag, 18. Oktober 2016

Heimkino-Tipp: „Der Moment der Wahrheit“ (2015)

Die Journalistin

Der angesehene amerikanische Nachrichtensprecher Dan Rather sagte einmal: „Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung. Aber niemand hat das Recht auf eigene Fakten.“ Ein bemerkenswerter Satz, besonders in einer Zeit, in der Demonstranten lautstark Formulierungen wie „Lügenpresse“ skandieren und im Internet im Minutentakt unzählige Behauptungen und Verdächtigungen ohne nachprüfbare Beweise getätigt werden. Leider jedoch auch ein Satz, der vielen jener „besorgten Bürger“ herzlich egal sein wird.

Dan Rather hat in seiner langen Laufbahn beim US-TV-Sender CBS viele historisch wichtige Ereignisse erlebt, kommentiert, in die Welt getragen. Nach 44 Jahren als Redakteur und Moderator wurde sein Vertrag 2006 nicht mehr verlängert. Einer der Gründe für diese Entscheidung dürfte seine Beteiligung an einem Bericht gewesen sein, der kurz zuvor von seiner Kollegin Mary Mapes für das Nachrichtenmagazin „60 Minutes“ produziert wurde. Darin wurde behauptet, dass der damals amtierende US-Präsident George W. Bush seinen Militärdienst nicht wie ursprünglich angegeben abgeleistet habe und dank privater Verbindungen beispielsweise vom Einsatz im Vietnamkrieg befreit worden sei. Nach der Ausstrahlung der Sendung wurde die Echtheit der genutzten Quellen bezweifelt. CBS sah sich letztendlich gezwungen, sich öffentlich zu entschuldigen – und ließ daraufhin intern etliche Köpfe rollen. Der Film „Der Moment der Wahrheit“ erzählt diese spannende Episode der neueren amerikanischen Geschichte auf einfache, aber sehr effektive Weise.

Basierend auf dem Buch „Truth and Duty: The Press, the President, and the Privilege of Power“, in dem Mary Mapes die Ereignisse aus ihrer Sicht schildert, blickt das Regiedebüt von James Vanderbilt im ersten Drittel auf die umfangreichen Recherchearbeiten, die Mapes (Cate Blanchett) und ihr Team (u.a. Topher Grace, Elisabeth Moss, Dennis Quaid) tätigen, nachdem ihnen die Dokumente mit dem brisanten Inhalt zugespielt wurden. Diese einführenden 45 Minuten des Films sind eine zwar hastig bebilderte, aber doch akkurate Darstellung eines Redaktionsalltags, der von Zeitdruck und zwingenden spontanen Entscheidungen geprägt ist.

Die Folge: Schon während der Präsentation im TV werden Stimmen laut, die den Wahrheitsgehalt der Geschichte in Frage stellen. Rather (Robert Redford), der im Gegensatz zur Chefetage hinter Mapes steht, wird daraufhin aufgefordert, ein Interview mit Bill Burkett (Stacy Keach) nachzuliefern, der die Story ursprünglich an Mapes herantrug. Doch zu diesem Zeitpunkt ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen: Egal, welche Argumente die „60 Minutes“-Redaktion zur Unterstreichung der Fakten in den folgenden Tagen hervorbringt, die CBS-Oberen und konkurrierende Redaktionen scheinen nur ein Ende zu akzeptieren: das Eingeständnis, einen Fehler gemacht zu haben.

„Der Moment der Wahrheit“ bringt das ganze Dilemma des Journalismus im 21. Jahrhundert auf den Punkt: Recherchezeit ist knapp, der politische Druck bei unliebsamen Enthüllungen immens und die Gegner sind scheinbar immer in der Überzahl. Besonders jene Trolle, die in ihrem Hass auf die verantwortlichen Redakteure jegliche Grenzen des Anstands ignorieren und via Internet Journalisten auf schändliche Weise beschimpfen, beleidigen, bedrohen und per se als Lügner bezeichnen. Ist die Redaktion zudem in einen Konzern integriert, der Profit über Integrität stellt, ist mit rationalen Argumenten nicht mehr viel zu gewinnen. Zumal, um am Beispiel des Films zu bleiben, mit jedem neuen Angriff auf Mapes und Kollegen immer deutlicher wird, dass der eigentliche Grund für all die Häme – der Vorwurf, Bush hätte bewusst gelogen – für die Kritiker kaum mehr von Interesse ist.

Eine entlarvende, angenehm unaufgeregt inszenierte Bestandsaufnahme des modernen Journalismus und dessen Rezeption in der Öffentlichkeit.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche und englische Untertitel für Hörgeschädigte sowie eine englische Hörfilmfassung sind ebenso vorhanden. Als Extras gibt es zwei Making of-Dokus, ausführliche Interviews (auch vor Publikum), einen Audiokommentar und Trailer. „Der Moment der Wahrheit“ erscheint bei Square One/Universum Film und ist seit 7. Oktober 2016 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Square One/Universum)

Montag, 17. Oktober 2016

Heimkino-Tipp: „The Nice Guys“ (2016)

Zwei stahlharte Profis

Im inzwischen zum Klassiker avancierten „Predator“ (1987) von John McTiernan tauchte ein Charakter namens Hawkins auf, der ein ziemlich unschönes Ende fand. Dargestellt wurde der arme Kerl von einem Mann namens Shane Black, der im Film zwar ziemlich unauffällig blieb, in der Geschichte Hollywoods jedoch eine große Rolle spielt: Aus seiner Feder stammen die Drehbücher der ersten beiden Lethal Weapon-Filme, der Blaupause des in den 80er-Jahren so erfolgreichen Buddy-Movies. 2005 legte er mit „Kiss Kiss Bang Bang“ sein vielbeachtetes und hochgelobtes Regiedebüt vor, mit Hauptdarsteller Robert Downey Jr. folgte 2013 noch „Iron Man 3“. Bevor Black nun 2018 den „Predator“ wiederbelebt, beweist er mit „The Nice Guys“ noch einmal sein Händchen für Actionkomödien, in denen ein ungleiches Ermittler-Duo Jagd auf böse Buben macht.

Natürlich hat zunächst keiner der beiden Eigenbrötler Interesse daran, mit einem Partner zusammenzuarbeiten. Der schlagkräftige Jackson Healy (Russell Crowe) erhält von dem Mädchen Amelia den Auftrag, ihr einen Verfolger vom Hals zu halten: den schmächtigen und vorlauten Detektiv Holland March (Ryan Gosling). Also stattet Healy ihm einen Besuch ab und bricht ihm zur Begrüßung erst einmal den Arm. Kaum wieder zu Hause, wird Healy selbst überfallen – von Typen, die ebenso nach Amelia suchen. Wie sich herausstellt, ist die junge Dame die Tochter der Bezirksrichterin Judith Kuttner (Kim Basinger) und plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Scheinbar hat Amelias Verschwinden etwas mit dem Tod eines Pornosternchens zu tun. Von der Bezahlung der Richterin verführt, raufen sich Healy und March zusammen und machen sich auf, das Rätsel zu lösen.

Vor dem Hintergrund der späten 1970er-Jahre lässt Regisseur/Autor Black seine beiden ungleichen Helden auf die High Society von Los Angeles los, in der sie erwartungsgemäß auf allerlei skurrile Typen treffen, die nichts Gutes im Schilde führen. Mit den Tipps von Hollands neunmalkluger Tochter Holly (Angourie Rice), die sich ungefragt dazugesellt, gelingt es den Schnüfflern schnell, sich etliche einflussreiche Feinde zu machen. Dass diese Begegnungen nicht zimperlich, aber stets sehr amüsant verlaufen, ist bei Black selbstverständlich.

Damit ein Buddy-Movie funktioniert, ist vor allem die Besetzung entscheidend: Mit Crowe und Gosling hat Black einen Volltreffer gelandet. Während Crowe sein Tough Guy-Image persifliert, liefert sein Kollege mit dem fürchterlichen Schnauzer eine Slapstick-Performance ab, die Peter Sellers alias Inspektor Clouseau alle Ehre machen würde. Diese szenischen Einlagen sind auch nötig, da die Handlung einige Haken schlägt und trotz des vordergründigen Humors volle Konzentration erfordert, um den Verstrickungen der einzelnen Charaktere folgen zu können. So bietet „The Nice Guys“ neben reichlich Spaß ebenso einen kniffligen Krimiplot, was das Vergnügen beim Anschauen nochmals erhöht.

Ach ja, getanzt und mitgewippt darf auch werden: Passend zum Setting gibt es einen fetten Soundtrack voll wunderbarer Disco-Klassiker. Und wem das nicht reicht, der darf die unzähligen Anspielungen auf andere Filme, Figuren und Hollywood suchen, mit denen Black seine unterhaltsame Actionkomödie wahrlich zugekleistert hat. Viel Spaß!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Als Extras befinden sich zwei kurze Featurettes, Interviews sowie Trailer auf den Discs. „The Nice Guys“ erscheint bei Concorde Home Entertainment und ist seit 13. Oktober 2016 erhältlich. (Packshot + stills: © Concorde)

Samstag, 15. Oktober 2016

Heimkino-Tipp: „The Gift“ (2015)

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft

Wer kennt ihn nicht: Jenen peinlichen Moment einer Begegnung mit einem Menschen, der behauptet, ein ehemaliger Schulkamerad/Kommilitone/Arbeitskollege zu sein, aber seinen Namen nicht nennt. Die Kunst ist, die eigene Unwissenheit zu überspielen und so zu tun, als freue man sich über das unverhoffte Wiedersehen.

Simon (Jason Bateman) passiert das beim Einkaufen mit seiner Frau Robyn (Rebecca Hall) in einer Shoppingmall. Da steht plötzlich Gordo (Joel Edgerton) vor ihnen und freut sich, ein Gesicht aus früheren Tagen wiederzuerkennen. Nach einem kurzen Plausch und dem Austausch der Kontaktdaten flüchtet das Paar in sein neues Zuhause am Stadtrand, das sie nach einem Jobwechsel von Simon gerade bezogen haben. In den folgenden Tagen schaut der alte Bekannte immer mal wieder überraschend vorbei, erweist sich als helfende Hand beim Einrichten und steht besonders der im Homeoffice arbeitenden Robyn mit Rat und Tat zur Seite.

Schnell wird jedoch deutlich, dass Gordo „sozial ein wenig ungeschickt“ ist. Offenbar empfindet er schon nach kurzer Zeit eine enge freundschaftliche Verbundenheit, die vor allem Simon unangenehm ist. Nach einem missglückten Abendessen macht er deshalb reinen Tisch und bittet Gordo, auf Abstand zu gehen. Robyn hingegen hat ein schlechtes Gewissen – und wird in den kommenden Wochen das Gefühl nicht los, dass der Sonderling ihr nachstellt.

Klingt vertraut? Denkste! Was Autor/Schauspieler Joel Edgerton („The Great Gatsby“, „Exodus“) mit seinem Regie-Debüt „The Gift“ vorlegt, könnte origineller nicht sein. Denn nachdem die oben beschriebene Vorgeschichte erzählt ist, erwartet das Publikum eine ganze Reihe an Überraschungen. Nach und nach enthüllt die Geschichte neue Facetten der Charaktere, die Handlung treibt in völlig unerwartete Richtungen, die Spannungskurve geht stetig nach oben. Geschickt nutzt Edgerton Genre-typische Momente, um auf falsche Fährten zu führen. So werden die Geschehnisse ausschließlich aus der Sicht von Robyn erzählt, die zudem psychisch ein klein wenig angeschlagen ist, was ihre – und damit die Wahrnehmung des Zuschauers – trübt.

Edgerton gibt an, vom Stil seines Kollegen David Fincher („Panic Room“, „Gone Girl“) inspiriert worden zu sein. Tatsächlich ist der Look des Films ein ähnlicher, vom erinnerungswürdigen Schluss ganz zu schweigen.

„The Gift“ ist ein Schmankerl, das sehr viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, als es bisher der Fall ist. Ein Thriller der Spitzenklasse, makellos in Szene gesetzt, großartig gespielt und mit einem Ende garniert, das auch als bitterböse Warnung verstanden werden kann: Seid lieb zueinander!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter sowie englischer Originalsprachfassung. Untertitel sind in ebendiesen Sprachen vorhanden. Als Bonus gibt es einen Audiokommentar des Regisseurs mit Cutter Luke Doolan, zwei Mini-Featurettes sowie entfallene Szenen mit einer sympathischen Einleitung von Edgerton. „The Gift“ erscheint bei Paramount/Universal Pictures und ist seit 14. Oktober 2016 erhältlich. (Packshot + stills: © Paramount Pictures)

Heimkino-Tipp: „The VVitch“ (2015)

A New-England Folktale

Schon mal wissen wollen, was die „Blair Witch“, die derzeit wieder durch das Kino geistert, in ihrer Jugend so getrieben hat? Auch wenn es inhaltlich natürlich keinerlei Zusammenhänge gibt, könnte Robert Eggers’ Regiedebüt so etwas wie die Vorgeschichte sein. Ohne Wackelkamera, dafür mit einer klassischen Umsetzung, die allein durch Licht, Setting und zeitlicher Einordnung für ausreichend Gruselatmosphäre sorgt.

Basierend auf Aufzeichnungen aus dem 17. Jahrhundert, erzählt Eggers vom entbehrungsreichen Leben einer Farmers-Familie, die um 1630 mit merkwürdigen Geschehnissen konfrontiert wird. Nachdem Vater William (Ralph Ineson), seine Frau Katherine (Kate Dickie) und ihre fünf gemeinsamen Kinder aus ihrer Gemeinde ausgeschlossen wurden, wagen sie in einem Haus am Rande eines Waldes einen Neuanfang. Doch der Alltag ist hart: der angebaute Mais ist verdorben, aufgestellte Tierfallen bleiben wirkungslos und der nahende Winter setzt den armen Bauern zusätzlich zu. Einzig im Gebet findet die Familie halt und Zuversicht.

Eines Tages verschwindet jedoch der jüngste Spross, das Baby Samuel spurlos. Die älteste Tochter, Thomasin (Anya Taylor-Joy), die auf ihn aufpassen sollte, kann sich das nicht erklären und soll kurz darauf auch aufgrund der prekären Lage auf dem Hof als Arbeitskraft fortgeschickt werden. Stattdessen begibt sie sich heimlich mit ihrem jüngeren Bruder Caleb (Harvey Scrimshaw) auf die Jagd im angrenzenden Wald – und kehrt später ohne ihn zurück. Vor allem die Mutter ist sich zunehmend sicher, dass Thomasin eine Hexe oder zumindest verflucht und für all das Unglück verantwortlich ist. Der anfangs zweifelnde Vater, ratlos ob der vielen Rückschläge und von Thomasins Geschwistern weiter angestachelt, muss sich schließlich entscheiden, auf wessen Seite er steht – und welchen Weg er beschreiten will, um das Überleben seiner Familie zu sichern.

Gedreht mit vornehmlich natürlichen Lichtquellen und nur wenigen Farbtupfern am Set oder an der Kleidung der Darsteller, gelingt es „The VVitch“ mühelos, das Publikum in diese trostlose Welt fernab der Zivilisation und des Komforts hineinzuziehen. Der Reif am Morgen, die harte Feldarbeit, der undurchsichtige Wald sind förmlich greifbar, das Alltagsporträt der Familie beinahe dokumentarisch. Da braucht es gar keine Special Effects oder besondere Soundeffekte, um ein mulmiges Gefühl bei den Zuschauern hervorzurufen.

Dass Autor/Regisseur Eggers seinem Publikum trotzdem schon früh mehr verrät als den Protagonisten, erweist sich als cleverer Schachzug, um den Fokus seiner Erzählung auf eine nicht minder furchteinflößende Thematik zu lenken: der völligen Hingabe zu einer Religion. Jedes negative Ereignis wird von den gottesfürchtigen Eltern als eine Prüfung ihres Herren interpretiert, jede nicht erklärbare Situation zum Werk des Teufels verklärt. Selten wurde der schmale Grat zwischen tiefer Religiosität und purem Wahn derart drastisch und deutlich in Szene gesetzt wie hier.

Neben der mehrdeutigen inhaltlichen Komponente hat „The VVitch“ noch einen weiteren Trumpf: Anya Taylor-Joy alias Thomasin und ihr Schauspielkollege Harvey Scrimshaw (Caleb) liefern hier Leistungen ab, die sprachlos machen. Keine Ahnung wie es gelang, aus diesen Jungdarstellern solche Performances rauszukitzeln. Sollten beide weiterhin vor der Kamera tätig sein, dürfen wir uns auf zwei grandiose neue Talente freuen!

„The VVitch“ ist ein Mystery-Horror-Historienfilm, der lange nachwirkt und einen schönen Gegenentwurf zu modernen Genrevertretern präsentiert, die außer sogenannten Jump-Scares und kreischender musikalischer Untermalung selten etwas zu bieten haben.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche, englische und diverse weitere Untertitel. Bonusmaterial ist keines vorhanden. „The VVitch“ erscheint bei Universal Pictures Germany GmbH und ist seit 29. September 2016 erhältlich. (Packshot + stills: © Universal Pictures)

Sonntag, 9. Oktober 2016

Heimkino-Tipp: „Green Room“ (2015)

Fury in the Slaughterhouse

Roh, konsequent, voll auf die Zwölf: Wenn Hardcore-Punker auf eine Horde gewaltbereite Nazis treffen, wäre ein anderes Ergebnis wohl realitätsfern. Der amerikanische Regisseur Jeremy Saulnier, der 2013 mit „Blue Ruin“ bereits einen äußerst erinnerungswürdigen Film geschaffen hat, legt nun mit seinem dritten Werk „Green Room“ einen Thriller vor, der psychologisch und psychisch mitten ins Mark trifft – besetzt mit zwei Schauspielern, die vor allem für ihre friedensstiftenden Auftritte im „Star Trek“-Universum bekannt sind: Patrick Stewart (alias Jean-Luc Picard) und Anton Yelchin (alias Pavel Chekov). Traurige Fußnote: „Green Room“ ist der letzte Film, der zu Lebzeiten Yelchins fertig gestellt wurde. Er verstarb am 19. Juni 2016 nach einem Autounfall mit nur 27 Jahren.

Yelchin spielt den Musiker Pat, der mit seiner erfolglosen Punkgruppe durchs Land zieht und über drei Ecken einen spontanen Gig in einer abgelegenen Gegend des amerikanischen Hinterlands angeboten bekommt. Zwar ist ihnen vorher schon bewusst, dass dort auch ein paar Rechte im Publikum auf sie warten würden, doch die kann man ja mit einer vollen Breitseite linker Punkmusik zusammenschreien. Der Auftritt verläuft den Umständen entsprechend provokativ, doch es bleibt bei Pöbeleien und ein paar fliegenden Biergläsern, die auf der Bühne landen. Bis Pat beim Verlassen des Etablissements noch einmal kurz in die Garderobe zurückhuscht, um ein vergessenes Handy zu holen: Dort scheint sich soeben ein Verbrechen abgespielt zu haben, da eine junge Frau mit einem Messer im Kopf bewegungslos auf dem Boden liegt. Wenige Sekunden später sind Pat, seine Bandmates sowie die ihnen unbekannte Amber (Imogen Poots) in dem Raum eingeschlossen und werden unter Androhung von Gewalt „gebeten“, vor Ort zu bleiben. Derweil wird dem Club-Inhaber und Ober-Nazi Darcy (Stewart) klar, dass er die Bande lebend nicht gehen lassen kann.

Was zunächst als Psycho-Spielchen hinter verschlossenen Türen beginnt, entwickelt sich für die festgesetzten Punks schon bald zu einem blutigen Überlebenskampf, bei der beißwütige Köter, Schusswaffen und diverse Stichwerkzeuge mehr oder minder ihrer Bestimmung zugeführt werden. Großes Highlight dabei ist zweifellos Glatzkopf Stewart, dessen Figur Darcy lediglich mit Stimme und Präsenz die größte Bedrohung entfaltet. Selten hat man den inzwischen 76-jährigen Schauspieler derart angsteinflößend vor der Kamera gesehen.

Regisseur und Autor Saulnier gelingt es, die Spannung konstant am oberen Anschlag zu halten. Zudem hat er einige ziemlich perfide Arten des Ablebens entworfen, die er hier in all ihrer blutigen Brutalität präsentiert. Der beschränkte Handlungsort sowie das generell farbarme Setting schaffen darüber hinaus eine Atmosphäre, die beängstigend und düster zugleich erscheint. Nein, dies ist kein Ort, an den man sich freiwillig begeben will.

Nun will ich gar nicht erst versuchen, diesem strikt ‚geradeaus‘ erzählten, beklemmenden Thriller eine zweite, tiefere Ebene anzudichten. Aber angesichts der derzeit auch in Deutschland immer häufiger erlebbaren Gewalt von Rechts könnte „Green Room“ ebenso als eine sehr deutlich formulierte Warnung verstanden werden. Denn dort, wo dumpfe Parolen immer aggressiver werden, sind Taten nicht mehr weit.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es diverse kurze, werbelastige Featurettes sowie Trailer. „Green Room“ erscheint bei Universum Film und ist seit 7. Oktober 2016 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Universum)