Freitag, 17. November 2017

Heimkino-Tipp: Terrence Malick-Collection (2011-2017)

Der Philosoph

Der öffentlichkeitsscheue Regisseur Terrence Malick ist mit nur wenigen Werken zu einem von Hollywood-Stars beinahe göttlich verehrten Filmemacher aufgestiegen. Nachdem er in den 1970er-Jahren lediglich zwei Arbeiten vorlegte (u.a. „Badlands“, 1973), kehrte er 1998 mit dem entrückten Kriegsdrama „Der schmale Grat“ in die Lichtspielhäuser zurück. Seither werden die Abstände zwischen seinen Filmen immer kürzer, sodass nach „The Tree of Life“, „To the Wonder“ und „Knight of Cups“ mit „Song to Song“ nun bereits der vierte Streifen innerhalb von sechs Jahren made by Malick veröffentlicht wird. Was ist da los? Möchte der inzwischen 73-jährige Texaner Kollegen wie Clint Eastwood oder Woody Allen in Sachen Produktivität im Alter übertrumpfen? Oder ist die Liste all jener Schauspieler, die mit ihm arbeiten wollen, so lang, dass er zum Vielfilmer geworden ist?

Was immer die Gründe für die neugewonnene Vitalität hinter der Kamera auch sein mögen, Terrence Malick-Werke sind immer etwas Besonderes. Warum, zeigt sich vor allem in letztgenannten vier Werken, die nun erstmals in einer Gesamtbox erhältlich sind. Sie sind eine Art Visitenkarte von ‚Malick, dem Älteren‘, ähneln sie doch in ihrer Form sehr einander und heben sich dadurch nicht nur vom zeitgenössischen Kino, sondern ebenso von Malicks früheren Arbeiten ab. Sie alle eint eine Art Verweigerung gegenüber klassischer Erzählstrukturen. Stattdessen perfektionierte er darin sukzessive seinen Stil, die Geschichten vornehmlich aus dem ‚Off‘ von den Figuren erzählen zu lassen, während diese oftmals stumm durch traumhaft komponierte Bilderwelten spazieren und nur wenig miteinander sprechen. Was nicht heißen soll, dass sie nicht kommunizieren! Denn bei Malick geschieht Vieles über Stimmungen, Blicke und Andeutungen, die sein Publikum selbst zu einem großen Ganzen zusammensetzen darf. Das hat zweifellos seinen Reiz – erfordert jedoch beim Zuschauen Konzentration und Aufgeschlossenheit.

Das macht es nicht unbedingt leicht, den Inhalt der hier vorliegenden vier Filme wiederzugeben. Versuchen will ich es trotzdem: Während „The Tree of Life“ das Werden eines Mannes vom Kind zum Erwachsenen begleitet, beginnend in den 1950er-Jahren in Texas, erzählt „To the Wonder“ eine bittersüße Liebesgeschichte zwischen Begehren, Entfremdung und Neuanfang. „Knight of Cups“ hingegen begleitet einen erfolgreichen Autor bei seiner Party-Odyssee und Sinnsuche in Hollywood, während „Song to Song“ eine ähnliche Geschichte im Musiker-Milieu beschreibt, diesmal jedoch aus weiblicher Sicht.

Vom cineastischen Standpunkt aus gesehen ist „Tree of Life“ aus diesem Quartett sicherlich die kompakteste und beste Kombination der Malick’schen Kunst, in der philosophische Gedanken, Naturbewunderung und das Wirken des Menschen wunderbar ineinanderfließen. War das Nachfolgewerk dann vornehmlich was fürs Auge, so wirkte „Knight of Cups“ schließlich beinahe schon wie eine Parodie auf sein Schaffen und präsentierte mit endlosen kryptischen Phrasen und einem verloren umherschweifenden Hauptdarsteller Malick auf Autopilot. In großen Teilen gilt dies leider auch für „Song to Song“, der parallel zum Vorgänger entstand und einige Darsteller (Cate Blanchett, Natalie Portman) gleich mit übernahm. Immerhin dürfen die Hauptfiguren hier ab und an wieder richtige Dialoge führen und die ‚Handlung‘ stürzt für Malick’sche Verhältnisse regelrecht zügig voran.

Diese harschen Worte meinerseits sind natürlich Jammern auf hohem Niveau, denn neben der betörenden Optik gelingt es Malick wie kaum einem anderen Filmemacher, Emotionen punktgenau zu bebildern und spürbar zu machen. Bestes Beispiel: „Song to Song“. Zu sehen sind hier stets nur die Folgen eines Ereignisses, die Reaktionen, die etwas hervorruft. Der Weg dorthin, die Entwicklung der Figuren bis zu diesem Ereignis, wird dem Publikum vorenthalten. Dass es trotzdem berührt, ist dem großen Können der Darsteller zu verdanken.

Die neue „Terrence Malick-Collection“ lockt mit unzähligen Stars und dem Versprechen auf besondere Filme. So weit, so richtig. Nach vier Werken in dieser Form sollte der Meister allerdings Neues ausprobieren. Sonst gehen ihm irgendwann die schönen schweigenden Menschen für seine Bilderbuchfilme aus.

Der 4-Disc-Kollektion erscheint auf DVD/Blu-ray und beinhaltet folgende Filme: „The Tree of Life“ (2011), „To the Wonder“ (2012), „Knight of Cups“ (2015) sowie „Song to Song“ (2017). Die Discs entsprechen den Einzelveröffentlichungen und die Filme darauf liegen jeweils in deutsch synchronisierter Sprachfassung sowie in englischer Originalversion vor. Untertitel in deutsch sind vorhanden. Als Extra speziell für die Box gibt es ein informatives Booklet. Die „Terrence Malick Collection“ erscheint bei Studiocanal ist seit 16. November 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © Studiocanal)

Sonntag, 12. November 2017

Heimkino-Tipp: „Vendetta“ (2016)

Aftermath

Wie sich die Zeiten doch ändern: Noch vor 15 Jahren sah ein Schwarzenegger-Film, in dem der einstige Actionstar den Tod seiner Familie rächen will, aus wie „Collateral Damage“ (2002). Darin jagt Arnie alias Feuerwehrmann Gordon Brewer einen Terroristen im Alleingang, dessen Bombe ihm seine Lieben nahm. Ein einfach gestrickter, knalliger Actionfilm ohne viel Tiefgang.

Aber warum nenne ich den inzwischen 70-jährigen Schauspieler ‚einstigen Actionstar‘? Zwei Gründe sind Filme wie „Maggie“ (2015) oder sein neuester Streifen „Vendetta“: Herr Schwarzenegger ist nämlich inzwischen zu einem sehr gutem Charakterdarsteller gereift. Das mag unseriös klingen, passt aber sehr gut auf die späte Karriere des ehemaligen Gouverneurs von Kalifornien. Denn sogar seine ‚lauten‘ Arbeiten, die er seit seiner Rückkehr ins Filmgeschäft im Jahre 2012 abgeliefert hat, zeigen einen anderen Arnie, der die leisen Zwischentöne ebenso beherrscht wie das bleihaltige Ausschalten von Gegnern. Ganz nebenbei sind „The Last Stand“ und „Sabotage“ großartig inszenierte Ballerfilme.

Doch zurück zu „Vendetta“. Ein etwas martialischer Titel, der ganz offenbar auf Arnies Stammpublikum abzielt, den Ton des Dramas aber nicht trifft. Im Original „Aftermath“, also „Nachwirkungen“ betitelt, adaptiert das Werk von Elliott Lester („Blitz“, 2011) eine reale Geschichte, die sich im Juli 2002 in/über Deutschland abspielte. Damals kollidierte ein Passagierflugzeug mit einer Frachtmaschine, 71 Menschen verloren ihr Leben – darunter auch die Familie des Osseten Witali Kalojew. Zwei Jahre später erstach er den Fluglotsen Peter Nielsen vor den Augen seiner Frau und Kinder in dessen Haus, da er ihn für das Unglück verantwortlich machte. Kalojew wurde verhaftet und verurteilt, kam 2007 frei und ist heute in seiner Heimat, der Republik Nordossetien, als Politiker tätig. Es existieren bereits einige künstlerische Aufarbeitungen der Ereignisse. Unter anderem entstand 2008 unter der Regie von Nicolai Rohde ein prominent besetztes deutsches Drama mit dem Titel „10 Sekunden“.

„Vendetta“ nähert sich der Geschichte auf zweierlei Weise: aus Sicht des trauernden Familienvaters Roman (Arnold Schwarzenegger) und aus der Sicht des Fluglotsen Jacob (Scoot McNairy). Während Romans langer, schmerzhafter Weg der Verarbeitung gezeigt wird, erlebt Jacob den langsamen Zerfall seines Zuhauses. Der Gedanke daran, Schuld am Tod von so vielen Menschen zu sein, wirft ihn komplett aus der Bahn, ihm auflauernde, unerbittliche Reporter sowie Schmierereien an seinem Haus zwingen ihn schließlich zum Namens- und Wohnortwechsel. Roman hingegen wünscht sich nur ein Schuldeingeständnis und eine Entschuldigung. Als ihm diese von der Fluglinie, der Flugsicherung und diversen anderen Beteiligten verwehrt wird, macht er sich auf, Jacob zu finden.

Immer wieder nutzt Regisseur Lester das Bild sich kreuzender Kondensstreifen, um die unausweichliche Konfrontation von Roman und Jacob anzudeuten. Fernab plumper Eindimensionalität erhalten beide Charaktere Tiefe und Widersprüchlichkeit und werden wertungsfrei porträtiert. Zudem macht der Film immer wieder deutlich, wie schwer es ist, Trauernden angemessen zu begegnen. Was sind die ‚richtigen‘ Worte? Wie kann ihnen geholfen werden? Wieviel Geld einer Versicherung ist ein Menschenleben wert?

Wenn es einen Kritikpunkt an „Vendetta“ gibt, so ist es die seltsam dargestellte Rolle der Presse: Auf der einen Seite die unnachgiebige Meute auf der Jagd nach Bildern und Kommentaren der Beteiligten/Betroffenen, auf der anderen Seite die vorgeblich einfühlsame Reporterin (Hannah Ware), die Roman den Aufenthaltsort Jacobs preisgibt – in dem Wissen, dass diese Begegnung nicht gut enden wird. Hier wäre ein wenig mehr Sorgfalt angebracht gewesen, da diese Darstellung der schreibenden Zunft vorhandene Ressentiments unterstreicht.

Abgesehen davon ist der von Darren Aronofsky(!) co-produzierte „Vendetta“ jedoch ein bewegendes, actionfreies, toll gespieltes und Diskussionen anregendes Drama, das einen Blick lohnt.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es ein kurzes Making of, eine Bildergalerie sowie Trailer. „Vendetta“ erscheint bei New KSM und ist seit 13. November 2017 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © KSM GmbH)

Samstag, 11. November 2017

Heimkino-Tipp: „Bates Motel: Staffel 5“ (2017)

mother!

Schluss. Aus. Ende. Mit einer Träne im Auge und einem zufriedenen Lächeln im Gesicht verabschiede ich mich von einer TV-Serie, die mir fünf Staffeln (à 10 Folgen) lang eine morbid-faszinierende Familiengeschichte geschenkt hat, und der es – trotz bekannter Vorlage – gelang, mich konstant bei der Stange zu halten. Viel hätte schief gehen können, als „Bates Motel“ 2013 zum Leben erweckt wurde: Der Ansatz der Macher, die Vorgeschichte zu einem der bekanntesten Thriller der Filmgeschichte, „Psycho“ (1960) von Alfred Hitchcock, in modernem Gewand zu erzählen, klang ebenso mutig wie zum Scheitern verurteilt. Doch Carlton Cuse, Kerry Ehrin und Anthony Cipriano, die drei Verantwortlichen hinter dem Projekt, haben genau den richtigen Ton getroffen. Und den Mut gehabt, sich in entscheidenden Momenten von dem ikonischen Klassiker zu lösen, um der Beziehung von Teenager Norman und dessen Mutter Norma hier und da neue Impulse zu geben.

Achtung! Die folgende Rezension enthält möglicherweise Spoiler der Staffeln 1 bis 4. Wer diese noch nicht kennt aber noch schauen möchte, sollte besser nicht weiterlesen.

Bereits zu Beginn der Produktion von „Bates Motel“ machten die Autoren deutlich, dass diese Serie höchstens fünf Staffeln lang sein würde. Nach Staffel 4 (Rezi HIER) war zudem klar, dass in den verbliebenen Folgen die Brücke zum Film „Psycho“ gebaut werden musste, um die Geschichte einigermaßen sinnvoll abschließen zu können. Kurz vor der Ausstrahlung wurde dann bekannt, dass keine Geringere als Popstar Rihanna die Rolle der Marion Crane spielen sollte – jener bedauernswerten Figur, der eine Abenddusche in Bates Motel zum Verhängnis werden würde. Aber Moment: Rihanna?!? Auch für mich zunächst eine zweifelhafte Wahl. Und doch passt sie sehr gut, ist sie im öffentlichen Leben doch ebenso wie die Serie mutig, ungewöhnlich, rebellisch, provokativ – und daher für die Rolle goldrichtig.

Die Handlung: Nach dem Ableben von Norma (Vera Farmiga), der Verhaftung ihres Gatten Sheriff Romero und dem Wegzug von Normas zweitem Sohn Dylan (Max Thieriot), ist Norman (Freddie Highmore) nun alleiniger Betreiber des „Bates Motel“ – aber nicht alleiniger Bewohner des Hauses nebenan. Denn um seiner geliebten Mutter nahe sein zu können, hat er ihre Leiche wieder ausgebuddelt und in einer Art Heiligenschrein im Keller drapiert. Quasi nebenbei hat sich Normans zweite Persönlichkeit derart verfestigt, dass er sich teilweise schon gar nicht mehr erinnern kann, ob er als Norman oder Norma den Abend zuvor um die Häuser gezogen ist. Als er schließlich eine neue Stadtbewohnerin namens Madeleine (Isabelle McNally) kennenlernt, die seiner Mom verblüffend ähnlich sieht, scheint der Einzelgänger wieder auf die Sonnenseite des Lebens zurückzukehren. Wäre da nur nicht Madeleines Gatte Sam Loomis (Austin Nichols), der seine Frau ausgerechnet in einem Zimmer seines Hotels mit einer gewissen Marion betrügt.

Vor allem Fans des Hitchcock-Films werden eine Vielzahl von Verweisen, Zitaten und Anspielungen wiederfinden, die die Macher von „Bates Motel“ mal offensichtlich, mal ein wenig versteckt eingebaut haben. Von Kameraperspektiven über einzelne Momente und Nebencharaktere bis hin zu exakt kopierten Szenenabfolgen wird dem Nerd hier alles geboten. Mittendrin: Die beiden (dunklen) Seelen der Serie, Norma und Norman, perfekt verkörpert von Farmiga und Highmore. Besonders deren gemeinsame Szenen sind ein wahres Fest und von einer Intensität geprägt, die zumindest in der Serienlandschaft ihresgleichen sucht. Nur zur Erinnerung: Highmore verkörpert eine gespaltene Persönlichkeit, während Farmiga eine Figur innerhalb dieser gespaltenen Persönlichkeit gibt. Dass dieser imaginäre Charakter nur selten etwas mit der einst echten Norma zu tun hat, verdeutlicht die Schauspielerin mit ihrem nuancenreichen und punktgenauen Spiel. Groß-ar-tig!

Somit reiht sich Staffel 5 qualitativ und inhaltlich perfekt in die Serie ein und beendet diese zwar ohne großes TamTam, dafür aber mit einigen überraschenden Handlungsverläufen. Wunderbar!

Die DVDs/Blu-rays bieten die fünfte Staffel in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche und englische Untertitel. Als Bonus sind gelöschte und verpatzte Szenen sowie zwei Kurzdokus beigefügt. Diese befassen sich einerseits mit der Storyline der finalen Staffel, andererseits mit einem amüsanten Rückblick auf die gesamte Serie, in der Cast, Crew und Fans zu Wort kommen. „Bates Motel: Season 5“ erscheint – parallel zu einer Komplettbox mit allen Staffeln – bei Universal Pictures Germany GmbH und ist seit 10. November 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © Universal Pictures)

Mittwoch, 8. November 2017

Heimkino-Tipp: „Arsenal“ (2017)

Männer unter sich

Wer mit den Buddymovies und Actionfilmen der 80er-Jahre aufgewachsen ist, kennt die Mechanismen des Machokinos aus dem Effeff. Frauen spielten darin selten eine tragende Rolle, emanzipierten sich jedoch vor allem mit Beginn der 1990er zunehmend von den starren Figurenklischees und nahmen ihre Verteidigung selbst in die Hand (siehe „Lethal Weapon 3“, „Tödliche Weihnachten“). Nun ist nichts verkehrt daran, sich hier und dann jene „old school“-Filme zurückzuwünschen, in denen vornehmlich ein Kerl auf blutigen Rachefeldzug geht, um seine bedrohte Familie zu beschützen. Ärgerlich wird es aber immer dann, wenn dabei die weiblichen Figuren zu bloßen Anschauungsobjekten, Sexpartnern und/oder völlig unselbstständigen Witzfiguren verkommen. Eine (Rück-)Entwicklung, die in letzter Zeit immer häufiger in amerikanischen B-Movies zu entdecken ist – und „Arsenal“ ist da keine Ausnahme.

Warum ich diesen Aspekt hervorhebe? Weil der Streifen von Wiederholungstäter und Vielfilmer Steven C. Miller („Extraction“, „Marauders“) inhaltlich kaum etwas hergibt, über das es sich auszulassen lohnt: Wieder einmal muss ein vornehmlich braver Bürger das Gesetz selbst in die Hand nehmen, um seinen entführten Bruder aus den Fängen eines örtlichen Gangsters zu befreien, der zudem eine ziemlich sadistische Ader besitzt. Die prominentesten Akteure in diesem übertrieben brutalen Schnellschuss von Film sind Nicolas Cage alias crazy Eddie King (was für ein Name!) sowie John Cusack als Undercoveragent(?), der dem Protagonisten JP (Adrian Grenier) dabei hilft, Geschwisterchen Mikey (Johnathon Schaech) aufzuspüren. Was genau die Funktion der Cusack-Figur sein soll, erschließt sich mir nicht. Die von JPs Gattin (Lydia Hull) andererseits schon: Sie nervt mit übertriebener Gottgläubigkeit, ständiger Kritik an Mickey und dessen White-Trash-Familie, begräbt das Kriegsbeil mit ihrem Gatten, wenn er sie dafür ganz plötzlich ‚hart rannimmt‘, und lässt JP mal eben alleine gegen einen Psychopathen zu Felde ziehen, ohne die Konsequenzen für das gemeinsame Kind anzusprechen.

Die konstant unterschwellig mitschwingende ohne-Mann-ist-sie-gar-nichts-Aussage sowie die Darstellung der Frau als störende Reizfigur zwischen zwei Brüdern kann mensch natürlich gerne ignorieren, schließlich will „Arsenal“ nur belanglose Actionunterhaltung sein. Aber die Häufigkeit, mit der dieses Statement in dieser Art von Filmen in letzter Zeit auftaucht, nervt ungemein – und ist dann eben doch scheinbar systematisch. Das ist keine ehrwürdige cineastische Verbeugung vor den glorreichen Supermännern (Rambo, John Matrix, McClane, Cobretti) der 1980er-Jahre mehr, sondern rigoros reaktionär. Armselig!

Und sonst so? Sieht der Film gut aus?

– Bis auf einen übertriebenen Sepia-Filter ja.

Ist die Action gut?

– Wer es gewaltverherrlichend und blutig mag, wird hier gut bedient.

Entfesselt Cage den gefürchteten/geliebten HurriCage?

– Oh ja, und wie! Seine Darstellung des mental überaus angeschlagenen Eddie King ist in Optik und Benehmen eine Overacting-Performance der Superlative. Fast scheint es, als sei Cage der einzige, der diesem filmischen Rohrkrepierer mit angemessener Ironie begegnet.

Zur Aufmunterung gönne ich mir nun lieber ein älteres Genre-Highlight mit Cage und Cusack: „Con Air“ (1997). Darin gibt es zwar auch mehr Männer als Frauen, aber zumindest wird den Damen darin von Seiten der Drehbuchautoren ein wenig mehr Respekt entgegengebracht und mehr Handlungsspielraum zugestanden.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Als Bonusmaterial gibt es ein Making of sowie Trailer. „Arsenal“ erscheint bei Universum Film/Square One und ist ab 10. November 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © Universum Film/Square One)

Sonntag, 29. Oktober 2017

Heimkino-Tipp: „Happy Burnout“ (2017)

Ein Fussel fliegt über das Kuckucksnest

Der charmante Alt-Punk Andreas ‚Fussel‘ Poschka (Wotan Wilke Möhring) ist schon ‘ne Marke: Lebt entspannt in den Tag hinein, erschnorrt sich von seinen Mitmenschen alles vom Apfel bis zur Wurst, vernascht zwischendurch eine hübsche Nachbarin und tischt der Sachbearbeiterin vom Arbeitsamt regelmäßig emotionale Stories auf, damit sie ihm nicht die finanzielle Stütze kürzt. Das geht so lange gut, bis eine interne Prüfung beim Amt zum Handeln zwingt. Um Fussel einen lästigen Job zu ersparen, schickt ihn Frau Linde (Victoria Trauttmansdorff) mit einem Arbeitsunfähigkeits-Attest in eine Klinik – Diagnose Burnout. Hier landet der Querkopf in einem Zimmer mit dem suizidgefährdeten Günther (Michael Wittenborn) und lernt noch eine ganze Reihe weiterer Menschen kennen, die dem Optimierungswahn der Gesellschaft zum Opfer gefallen sind. Für sie und die gestrenge Klinikleitung (Ulrike Krumbiegel, Anke Engelke) wird Fussel schnell zu einem (positiven) Störfaktor in der nur oberflächlichen Landidylle.

Endlich sind die wiedervereint: Darsteller Möhring, Regisseur André Erkau und Drehbuchautor Gernot Gricksch, das Team hinter dem wunderbaren „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ (2012, Rezi HIER), legen mit „Happy Burnout“ eine leichtfüßige Tragikomödie vor, die genau den richtigen Ton trifft zwischen Amüsement und Ernsthaftigkeit, liebevoller Charakterstudie und nüchternem Gesellschaftskommentar. Das Aufeinandertreffen zwischen dem unangepassten Rebellen (Möhring) und gestrandeten Existenzen (Julia Koschitz, Kostja Ullmann, Torben Liebrecht), die den unsinnigen Erwartungen ihrer Umwelt nicht mehr gewachsen sind, dient dabei nicht als Vorlage für billige Gags, sondern legt (sanft) die Finger auf eine omnipräsente Wunde der Gegenwart.

Das Schöne: „Happy Burnout“ versucht nicht krampfhaft, allen Figuren am Ende eine rosige Zukunft zu verpassen. Die Illusion, dass nur ein Mensch genügt, um sämtliche Burnout-geschädigten Patienten einer Klinik zu heilen, bleibt dem Publikum glücklicherweise erspart. Das erdet die Handlung ebenso wie das glaubhafte Spiel der Darsteller, die unübersehbar sehr viel Spaß bei der Arbeit an diesem filmischen Schmuckstück hatten.

P.S.: Kleine Insider-Info für Filmnerds: Regisseur Erkau ist selbst kurz als Patient zu sehen: Als ‚Herr Rekau‘ schaut er im Aufenthaltsraum der Klinik „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ im TV.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in original deutscher Sprachversion mit optionalen Untertiteln (auch für Hörgeschädigte). Zudem ist eine Hörfilmfassung vorhanden. Unter den Extras finden sich ein Audiokommentar von Regisseur und Hauptdarsteller, ein informatives Making of, Interviews, gelöschte Szenen und Trailer. „Happy Burnout“ erscheint bei NFP marketing & distribution GmbH/Warner Bros. und ist seit 26. Oktober 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © FilmPressKit online/NFP/Thomas Kost)

Samstag, 28. Oktober 2017

... im Nachgang: „Blade Runner 2049“ (Kinostart: 5. Oktober 2017)

Ein legendärer Science-Fiction-Film namens „Blade Runner“ (1982) erhält eine späte Fortsetzung. Meine Rezension dazu findet ihr HIER (von mir stammt der Pro-Teil des Textes).

Leider haben sich darin - im Gegenteil zum eingesandten Ursprungstext - einige grammatikalische und orthografische Fehlerchen eingeschlichen. Ich bitte um Verständnis.

(Plakat: © 2017 Sony Pictures/Warner Bros.)

Mittwoch, 25. Oktober 2017

„Maudie“ (Kinostart: 26. Oktober 2017)

Wonder Woman

Das Kino hat sein Herz für Maler wiederentdeckt. Das lassen zumindest die Filmstarts der kommenden Wochen vermuten, in denen sich gleich drei außergewöhnliche cineastische Porträts über Meister der Pinselkunst finden: „Maudie“, „Gauguin“ (ab 2.11.) sowie „Loving Vincent“ (ab 28.12.) nähern sich auf sehr unterschiedlichen Wegen ihrem Sujets an und sind nicht nur für Auskenner einen Blick wert.

Beweis Nr. 1: „Maudie“ von Regisseurin Aisling Walsh. Mit einer wie immer wunderbaren Sally Hawkins („Happy-Go-Lucky“, „Blue Jasmine“) in der Hauptrolle, porträtiert der Film die kanadische Folk-Art-Künstlerin Maud Lewis (1903-1970), die ein überaus einfaches Leben in einem kleinen Ein-Zimmer-Haus führte und mit selbstgemalten Postkarten zu bescheidenem Ruhm kam. Besonders wird ihre Geschichte umso mehr, da Maud seit ihrer Kindheit mit rheumatischer Arthritis zu kämpfen hatte, was ihre Körperbewegungen einschränkte. Von ihrer Familie verstoßen, ging sie ihren eigenen Weg und fand in dem Hausierer Everett, gespielt von Ethan Hawke, einen Ehemann, der sie zwar grummelnd, aber gewissenhaft unterstützte.

Walsh ordnet ihren Film chronologisch an und verdeutlicht somit gleich zu Beginn, dass ihre Protagonistin keinen leichten Stand innerhalb ihrer Verwandten hatte. Jeglicher Selbstbestimmung beraubt, kehrt sie ihrer Familie mit Anfang 30 den Rücken und findet eine Anstellung als Hausmädchen bei dem Einzelgänger Everett, der ihr zunächst nicht viel Achtung entgegenbringt und auch schon mal seine Hand gegen sie erhebt. Maud jedoch bleibt standhaft – ob aus Naivität, Übermut, Alternativlosigkeit oder Liebe bleibt unklar – und wird so sehr bald ein Teil von Everetts Leben. Als eine seiner Kundinnen zufällig auf ein kleines Bild aufmerksam wird, das Maud gezeichnet hat, wird aus dem Hobby Malerei eine zweite Einnahmequelle für das ungleiche Paar – und die kleine Frau mit dem gebückten Gang so etwas wie eine örtliche Berühmtheit.

Obwohl das Ehepaar Lewis ein ‚einfaches‘ Leben nahe der Armut führte, findet Regisseurin Walsh immer wieder eine beeindruckend schöne Bildsprache, die die Entbehrungen ihrer Protagonistin vergessen lassen. Das fällt umso leichter, da Maud Lewis wohl tatsächlich eine Frau war, die immerzu freundlich lächelnd allen Herausforderungen des Alltags begegnete. Ihr ging es nicht darum, mit ihrer Kunst reich zu werden, sondern Menschen eine Freude zu bereiten. Mehr als 5 Dollar wollte sie daher nicht für eines ihrer verkauften Werke haben.

Trotzdem ist „Maudie“ kein Wohlfühlfilm. Das Temperament ihres Gatten bleibt undurchsichtig, zudem fällt es ihm schwer, die traditionellen Geschlechterrollen zu überdenken und abzuschütteln – zumindest verbal, während er in seinem Handeln Maud und ihre Kunst unterstützt. Hawke spielt diesen sozial etwas ungeschickt agierenden Charakter schlicht phänomenal und schafft es so, die Herzensgüte, die Maud offenbar hinter seinem Panzer entdeckt hat, auch für das Publikum sichtbar zu machen.

Entstanden ist ein Film, der sich nicht darum bemüht, ein objektives Porträt zu sein, sondern ganz unverhohlen die Person Maud Lewis feiert. Aber das ist in diesem Fall kein Grund zur Kritik sondern vielmehr ein Blick auf die Welt, wie ihn offenbar auch die Hauptfigur Zeit ihres Lebens hatte: optimistisch, vorurteilslos, freundlich. Was ist daran schon verkehrt?

(Plakat: © 2017 NFP marketing & distribution / Stills: © 2017 Duncan Deyoung, Courtesy of Mongrel Media / Bilder: Maud Lewis/Art Gallery of Nova Scotia)

Montag, 23. Oktober 2017

Heimkino-Tipp: „USS Indianapolis – Men of Courage“ (2016)

Open Water

Es gibt viele erinnerungswürdige Szenen in Steven Spielbergs Meisterwerk „Der weiße Hai“. Eine ist zweifellos der Monolog des Hai-Jägers Quint (gespielt von Robert Shaw) über seine Erlebnisse an Bord der USS Indianapolis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Das amerikanische Kriegsschiff hatte die „Little Boy“-getaufte Atombombe, die am 6. August 1945 über Hiroshima niedergehen sollte, nach Tinian Island gebracht und war nun auf dem Rückweg, als es von japanischen Torpedos getroffen wurde und sank. Von 1197 Männern an Bord überlebten letztendlich nur 317. Und Haie spielten bei dieser Tragödie eine nicht unbedeutende Rolle. Spielberg nutzte diese wahre Begebenheit, um seinem Film in lediglich ca. vier Minuten eine erschütternde Realität und der Figur des Quint charakterlichen Tiefgang zu geben.* Sein Regiekollege Mario Van Peebles hat sich dieser Episode der Militärgeschichte mit „USS Indianapolis – Men of Courage“ nun in Spielfilmlänge angenommen – mit durchwachsenem Ergebnis.

Nun bin ich absolut kein Fan von Vorverurteilungen oder Filmrezensionen, die zum Beispiel nur aufgrund eines Trailers formuliert werden. Ein wenig mulmig ist mir aber schon, wenn in den Credits des DVD-Hüllentextes nicht weniger als 29(!) Produzenten genannt werden. Regisseur Van Peebles ist zwar kein Unbekannter, allerdings liegt sein größter Erfolg hinter der Kamera („New Jack City“) bereits 16 Jahre zurück. Er mag ein versierter Filmemacher sein, das ganz große Ding ist ihm jedoch noch nicht gelungen. Immerhin schafft er es hier mit viel Raffinesse und seinen beiden Assistenten, Kameramann Andrzej Sekula („Pulp Fiction“, „American Psycho“) sowie Cutter Robert E. Ferretti („Tango & Cash“, „Stirb Langsam 2“), das moderate Budget so gut es geht zu kaschieren.

Das ist auch bitter nötig, denn Van Peebles hat viel vor: Vom Auslaufen des schwimmenden Panzers über die dramatische Nacht des Untergangs bis hin zum langen Verharren der Überlebenden im offenen Meer und einem anschließenden Gerichtsprozess braucht es etliche Schauplätze und -werte. Da hapert es dann doch ein wenig mit der Professionalität, denn weder die zahlreichen Matrosen noch der menschlich stets korrekt agierende Kapitän McVay (Nicolas Cage) bleiben dem/der ZuschauerIn im Gedächtnis. Statt der halbgaren, auf unpassende Weise amüsant erzählten Liebesgeschichte eines Soldaten, der später planlos jeden seiner Kameraden beschuldigt, seinen Verlobungsring gestohlen zu haben, hätte der Fokus vielmehr auf die Gruppendynamik nach dem Untergang gelegt werden können. Überlieferungen zufolge haben sich die Überlebenden nämlich beim Kampf um Rettungswesten auch selbst dezimiert. Van Peebles konzentriert sich aber lieber auf die Haiangriffe und beschwört dabei immer wieder den Zusammenhalt der Mannschaft herauf – was andererseits bei einem Filmverleih wie „Patriot Pictures“ nicht groß verwundert.

Nun will ich Van Peebles keinesfalls vorwerfen, ein Werk voller ‚Hurra‘-Patriotismus abgeliefert zu haben. Denn an einigen wenigen Stellen lässt er durchschimmern, wie sehr diese Tragödie in den Entscheidungen einflussreicher Militärs begründet liegt. Aber auch hier wäre mehr möglich gewesen, statt den Schiffbrüchigen 30 Minuten lang ohne inhaltliches Vorankommen beim langsamen Sterben zusehen zu müssen.

„USS Indianapolis“ hat die richtigen Ansätze, kentert aber letztendlich wegen eines schwachen Drehbuchs und der in meinen Augen falschen Schwerpunktsetzung. Mit einem besseren Skript wäre vielleicht sogar mehr Budget drin gewesen – und ein besserer Film entstanden.

* Wer mehr über Spielbergs „Der weiße Hai“, die wahren Hintergründe von Quints Monolog sowie das kulturelle Erbe des Horrorfilmklassikers wissen möchte, bitte HIER entlang.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und original englischer Sprachfassung. Untertitel in deutsch sind optional zuschaltbar. Als Bonus gibt es ein Making of, eine Bildergalerie und Trailer. „USS Indianapolis – Men of Courage“ erscheint bei New KSM und ist seit 23. Oktober 2017 erhältlich. (Packshot + stills: NEW KSM)

Sonntag, 22. Oktober 2017

Heimkino-Tipp: „The Autopsy of Jane Doe“ (2016)

Der Tod steht ihr gut

Kennste einen, kennste alle? Im Horrorfilm-Genre ist es schwer, den/die FanIn noch zu überraschen. Ob ernsthafter Grusel, satirische Überzeichnung oder Gewaltphantasie: Alles scheint in der einen oder anderen cineastischen Form bereits zu existieren. Hin und wieder aber gelingt es talentierten Regisseuren und Autoren, aus vorhandenen Zutaten und Stilmitteln etwas zu kreieren, das auf unterhaltsame Weise wirklich an die Substanz geht – Sessellehnenzerkratzen und Unter-die-Decke-Verkriechen inklusive. „It Follows“ (2014) war so ein Kandidat. Und „The Autopsy of Jane Doe“ gehört ab sofort ebenfalls zu diesem erlauchten Filmkanon.

Die erste Hälfte des 90-Minüters fordert vom Publikum vor allem einen starken Magen: Tommy (Brian Cox) und sein Sohn Austin (Emile Hirsch) arbeiten als Pathologen und sezieren gewissenhaft und routiniert diverse Leichen, um der Todesursache des/der Verstorbenen auf die Spur zu kommen. Eines Abends rollt ihnen der örtliche Sheriff den Körper einer jungen Frau in den OP-Raum, die im Keller eines Hauses halb verbuddelt entdeckt wurde. Seltsamerweise sind an ‚Jane Doe‘ – so der Name, der unbekannten Personen in den USA gewöhnlich gegeben wird – zunächst keinerlei äußerliche Verletzungen zu erkennen. Vater und Sohn machen sich an die Arbeit, das Geheimnis der Schönen zu entschlüsseln. Je weiter sie dabei jedoch ins – wortwörtlich – Innere von ihr vorstoßen, desto widersprüchlicher erscheinen die Erkenntnisse. Es sollen nicht die einzigen Überraschungen in jener Nacht bleiben.

Wer sich tapfer durch die ersten 45 Minuten geschaut hat, in denen Regisseur André Øvredal zwar offenherzig und direkt, dabei aber stets respektvoll den Job der Seziermeister abbildet, der sollte sich für den weiteren Handlungsverlauf anschnallen. Denn ebenso professionell wie die beiden Figuren vor der Kamera zeigt sich Øvredal beim Spiel mit den Erwartungen, dreht kräftig an der Spannungsschraube und verwandelt einen ohnehin schon packenden Krimi in einen wunderbaren Horrorstreifen.

Wie schon bei „It Follows“, der thematisch absolut nix mit „The Autopsy of Jane Doe“ zu tun hat, zeigt sich, dass eine clevere Storyidee und ein gemächlicher Handlungsaufbau mit interessanten und sympathischen Charakteren die halbe Miete ist, wenn die ZuschauerInnen später gruseltechnisch ordentlich eins auf die Mütze kriegen sollen.

Das funktioniert natürlich nur, wenn mensch sich vor dem Filmgenuss dagegen entscheidet, einen Trailer zu schauen, der nicht ganz so spoilerfrei daherkommt, die es diese Rezension versucht hat zu sein. So oder so: eine absolute Empfehlung!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Als Bonusmaterial gibt es diverse Interviews mit Beteiligten, einen kommentarlosen Blick hinter die Kulissen bei den Dreharbeiten sowie Trailer. „The Autopsy of Jane Doe“ erscheint bei Universum Film und ist seit 20. Oktober 2017 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Universum)

Heimkino-Tipp: „Jahrhundertfrauen“ (2016)

20th Century Women

Es gehört zweifellos viel Mut dazu, eigene Erfahrungen und Erlebnisse künstlerisch zu verarbeiten und öffentlich zu machen. Mike Mills wagte dies bereits mit seiner wundervollen Tragikomödie „Beginners“, die aus dem Leben seines Vaters erzählte. Für die Darstellung dieses besonderen Charakters erhielt der Schauspieler Christopher Plummer 2012 einen Oscar. Mit „Jahrhundertfrauen“ folgt nun quasi das weibliche Gegenstück, fokussiert der Film doch vornehmlich Mills’ Mutter, großartig verkörpert von der vierfach Oscar-nominierten Annette Bening.

In der Rolle der alleinerziehenden Dorothea kämpft sie sich Ende der 1970er-Jahre durch die Pubertät ihres Sohnes Jamie (Lucas Jade Zumann), der zwar eine vertrauensvolle Beziehung zu seiner Mutter hat, doch zunehmend eigene Wege gehen und die Welt entdecken will. Auch Dorothea ist sich dessen bewusst und bittet daher Hausmitbewohnerin Abbie (Greta Gerwig) und Jamies beste Freundin, die frühreife Julie (Elle Fanning), ihrem Sohn beim Erwachsenwerden zu helfen. Nicht mit sexuellen Gefälligkeiten, sondern mit Fürsorge, Liebe und Ratschlägen für den Alltag und das Partyleben.

Braucht es einen Mann, um einen Jungen großzuziehen? Dies ist die zentrale Frage, deren Antwort Regisseur und Autor Mills auf die Spur kommen will. Zwar sind männliche Charaktere nicht komplett absent, doch außer dem ebenfalls im Haus lebenden ruhigen Handwerker William (Billy Crudup), spielen sie in Jamies Leben tatsächlich kaum eine Rolle. Das ist weniger ein Statement, als vielmehr dramaturgische Notwendigkeit. Denn wer drei solch starke und interessante Frauenfiguren in seinem Film hat, benötigt schlicht keine weiteren Spielfiguren.

Denn eigentlich sind sie – wie der Titel korrekt suggeriert – die Hauptattraktion des Films. Dorothea, Abbie und Julie stammen aus unterschiedlichen Generationen und haben somit ganz verschiedene Ansichten, Wünsche und Verhaltensmuster, die Mills hervorragend herausarbeitet. Perfekt gecastet, spiegeln sie eine Gesellschaft im Wandel wider, die in scheinbar allen Altersklassen nach ihrem Weg sucht.

„Jahrhundertfrauen“ ist jedoch kein leicht zugänglicher Streifen: Episodenhaft, nicht immer einer kohärenten Handlung folgend, entfaltet der Film seinen Zauber erst nach und nach. Geduld und Interesse sind nötig, um emotional gefangen genommen zu werden. Und ja, nicht immer fällt das bei den eigenwilligen aber niemals langweiligen Charakteren leicht.

Mike Mills hat einmal mehr etwas Besonderes geschaffen: anspruchsvoll, in Teilen sonderbar, stets überraschend. Und zum Daniederknien fantastisch gespielt.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es ein Making of, ein Special zur Besetzung, einen Audiokommentar von Mike Mills sowie Trailer. „Jahrhundertfrauen“ erscheint bei Splendid Film GmbH und ist seit 29. September 2017 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Splendid Film GmbH)

Samstag, 30. September 2017

... im Nachgang: „mother!“ (Kinostart: 14. September 2017)

Bei Werken von Darren Aronofsky ist eines gewiss: sie spalten ihr Publikum – und die Redaktion des Kinokalender Dresden. Ein Pro und Contra zu „mother!“ findet sich HIER. Von mir stammt der Pro-Teil des Textes.

(Plakat: © 2017 Paramount Pictures)

... im Nachgang: „Dunkirk“ (Kinostart: 27. Juli 2017)

Anspruch, Unterhaltung und visueller Bombast - geht das zusammen? Bei Christopher Nolan schon. Bester Beweis dafür ist sein aktuelles Werk „Dunkirk“. Eine Rezension dazu findet ihr HIER. Von mir stammt der Pro-Teil des Textes.

(Plakat: © 2017 Warner Bros.)

Donnerstag, 28. September 2017

Heimkino-Tipp: Lommbock (2017)

(Kein) Gehirnzellenmassaker

Christian Zübert servierte 2001 mit seinem Werk „Lammbock“ nichts weniger als die Jacobs-Krönung einer gelungenen deutschen Komödie. Kultfilm, Zitatenlexikon, Tarantino-Huldigung, Mehmet Scholl-Liebesbekenntnis: Der ungezwungene Spaß um zwei Berufsjugendliche, die sich mit dem heimlichen Verkauf von Marihuana ihren Pizzaservice und ein unbeschwertes Leben finanzieren, hat sich zu Recht über die Jahre hinweg eine treue Fanbase aufgebaut, die den Anhängern von „Trainspotting“ in nichts nachsteht. Und auch Wiederholungstäter Zübert gelingt wie seinem britischen Regiekollegen Danny Boyle mit „T2 Trainspotting“ (Rezi HIER) das Unerwartete: eine Fortsetzung, die genauso korrekt gebaut ist wie das Original.

Wären beide Filme, „T2“ und „Lommbock“, nicht zur gleichen Zeit entstanden, man könnte meinen, Zübert habe sich von Boyle inspirieren lassen: Selber Regisseur, selbe Darsteller, selber Film? Denkste! Vielmehr eine kongeniale Weitererzählung der Alltagsabenteuer von Kai (Moritz Bleibtreu) und Stefan (Lucas Gregorowicz), die zwar 16 Jahre älter, aber keinesfalls vernünftiger geworden sind was ihre liebste Freizeitbeschäftigung angeht. Was mit einem entspannten Kiffernachmittag beginnt, endet im zwar erwartbaren, aber herrlich amüsanten Chaos, das vor allem aufmerksame Kenner des Erstlings belohnt – sei es der kurze Augenkontakt mit einem ganz besonderen Psychiatrie-Patienten oder eine nebenbei fallengelassene Bemerkung über Stefans behinderten Neffen.

Alter, etwa schon wieder eine Fortsetzung nur für Fans? Das ist ja auch okay, ist ja in Ordnung, aber da muss man doch nicht immer stundenlang drüber reden. Warum behandelt so ein Film nicht mal irgendwas Wichtiges? Probleme des Lebens zum Beispiel?!? Zugegeben, eine Komödie mit tagespolitischer Thematik ist „Lommbock“ nicht geworden. Zübert lässt sein Statement zur Welt von heute vielmehr im Subtext mitschwingen: Da sprechen sämtliche Charaktere plötzlich mitten im Satz polnisch miteinander und verstehen sich prächtig, und die Befürchtung, der Stiefsohn könnte ein Terrorist in spe sein, entpuppt sich als unerwartetes Kompliment für Kai: der Teenager eifert lediglich seinem Ersatzpapa nach und vertickt feinstes Dope. Wie Bleibtreu diesen sympathisch überforderten Erziehungsberechtigten gibt, der quasi sein jüngeres Ich zur Vernunft bringen soll, ist äußerst amüsant anzusehen – und beweist Züberts großes Können als Drehbuchautor.

Um es auf den Punkt zu bringen: „Lommbock“ kickt besser als Mehmet Scholl. Der war übrigens vom ersten Teil, in dem er ja eine ganz besondere Lobhudelei erhält, überaus angetan: „Ich hab den Film im Kino gesehen mit einer Mütze auf dem Kopf und bin immer mehr in meinem Sitz versunken. Rein wegen der Dialoge. Dann ging’s ja drum, dass ich so ein Riesenteil hätte und meine Freundin saß daneben und hat gesagt, das ist ja glatt gelogen. Ja, eine skurrile Erfahrung.“ Und eine, die ihm einen absoluten Gourmet-Moment im zweiten Film beschert hat. „Lommbock“: ein voll korrekter Shootie!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung, als Hörfilmfassung sowie optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte (feine Sache!). Als Bonus gibt es einen Audiokommentar von Regisseur Zübert, Making of-Clips, Teaser und Trailer. „Lommbock“ erscheint bei Wild Bunch Germany GmbH/Universum Film und ist seit 29. September 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © Wild Bunch/Universum)

Montag, 25. September 2017

Heimkino-Tipp: „Man Down“ (2015)

Der durch die Hölle geht

Sieben Britische Pfund. Ein verkauftes Kinoticket. Dieses Schicksal ereilte Regisseur Dito Montiel und seinen Film „Man Down“ am Eröffnungswochenende in Großbritannien. Das schmerzt schon allein beim Lesen. Denn egal wie durchwachsen das Endprodukt auf der Leinwand sein mag, die Mühe und Arbeit, die ein Film für seine Entstehung fordert, ist definitiv mehr wert als dieses magere Einspiel – auch wenn der Film landesweit in nur einem Kino gezeigt wurde.

Es fällt schwer, diese Info auszublenden, wenn man „Man Down“ anschaut. Einerseits, weil nach jeder geglückten Szene – und davon gibt es etliche – jener Moment erwartet wird, in dem der Film gegen die Wand fährt. Andererseits, weil eben dieser Moment nicht eintritt und man sich fragt, warum das intensive Drama vom Publikum derart ignoriert wurde. Ja, „Man Down“ ist inhaltlich ungewöhnlich konzipiert und zusammengesetzt. Ja, das präsentierte Thema ist nicht neu und bringt auch keine neuen Erkenntnisse zutage. Und dennoch: Weder ist der Film schlecht gespielt noch dilettantisch umgesetzt. Vielmehr eine, nennen wir es ‚andere‘ Herangehensweise an die Themen Krieg und die Folgen für alle Beteiligten.

Im Mittelpunkt steht der US-Marine Drummer (Shia LaBeouf), der zusammen mit seinem besten Freund Roberts (Jai Courtney) nach Afghanistan geschickt wird und dort Schreckliches erlebt. Zurück in seiner Heimat, muss er feststellen, dass diese nicht nur zerstört, sondern ebenso seine Familie (Kate Mara, Charlie Shotwell) spurlos verschwunden ist. Auf der Suche nach ihnen begegnet er einem Kameraden (Clifton Collins Jr.), der scheinbar mehr weiß, als er preisgeben will.

Regisseur Montiel, der u.a. Robin Williams’ wunderbares filmisches Abschiedsgeschenk „Boulevard“ inszenierte, erzählt Drummers Geschichte aus mehreren verschiedenen Zeitebenen heraus: vor seinem Kampfeinsatz, währenddessen, kurz danach bei einem Gespräch mit Militärpsychologe Peyton (Gary Oldman), sowie nach seiner Rückkehr in die USA. Diese vier Kapitel stellt er mehrfach gegenüber und wechselt somit immer wieder zwischen den Gefühlszuständen seiner Hauptfigur. Dass diese trotzdem wie aus einem Guss wirkt, ist der großartigen Leistung LeBeoufs zu verdanken, der einmal mehr beweist, dass er nicht nur im Privatleben für Aufsehen sorgen kann, sondern ebenso vor der Kamera.

Sicherlich wirkt die Form des Films hier und da etwas zu gewollt anspruchsvoll, das Anliegen Montiels bleibt davon aber unbeschädigt: eine schonungslose Abrechnung mit dem Dienst an der Waffe und eine traurige, wenn auch extreme Bebilderung der negativen Folgen, die stets das ganze Umfeld eines Soldaten betreffen.

„Man Down“ ist ein interessantes filmisches Experiment, toll gespielt und mit einer (altbekannten) Message, an die aber heute, in Zeiten dumpfer Kriegspolemik von einflussreichen Politikern weltweit, mehr denn je erinnert werden muss.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es eine Bildergalerie sowie Trailer. „Man Down“ erscheint bei New KSM und ist seit 25. September 2017 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © KSM GmbH)

Dienstag, 12. September 2017

„Das Löwenmädchen“ (Kinostart: 14. September 2017)

Zahmes Kätzchen

Geschichten über Außenseiter, die einen psychischen oder physischen Makel tragen, sind im Kino häufig zu finden. Oftmals können sie als Spiegelbild für eine Gesellschaft dienen, die sich mit der Akzeptanz von Andersartigkeit, egal ob äußerlich sichtbar oder nicht, schwer tut. Gerade in Zeiten großer Flüchtlingsströme ist es wichtig, Themen wie diese anzusprechen und gern auch streitbar zu diskutieren. Die Verfilmung des Romans „Löwenmädchen“ von Erik Fosnes Hansen hätte all dies sein und bieten können. Leider ist das finale filmische Werk davon jedoch weit entfernt.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wird der ältere Bahnhofs-Stationsmeister Gustav (Rolf Lassgård) Vater einer Tochter. Nur schwer kann er verschmerzen, dass ihm die Geburt seine junge Frau nahm. Noch schwerer ist es für ihn jedoch, das Kind zu akzeptieren. Denn die kleine Eva ist am ganzen Körper behaart. Nicht mit einzelnen, feinen Härchen, sondern komplett von Kopf bis Fuß mit einem dicken „Fell“. Nach anfänglicher Weigerung, sich des Mädchens anzunehmen, engagiert er ein Kindermädchen namens Hannah (Kjersti Tveterås), das sich fortan um Eva kümmert. Sie wächst heran, ist neugierig und offenbar sehr gescheit. Doch zur Schule oder vor die Tür gehen darf sie nicht. Erst nach und nach gelingt es Hannah, Gustav vom Gegenteil zu überzeugen. Und so lernt Eva schließlich doch noch die Welt vor dem Fenster kennen – aber leider auch die Menschen, die ihr erwartungsgemäß mit einer Mischung aus Verwunderung und Abscheu begegnen.

Regisseurin Vibeke Idsøe („Karlsson vom Dach“) hat für ihre Adaption einen großen Trumpf: fantastische Schauspieler. Neben den Jungdarstellerinnen Aurora Lindseth-Løkka (Eva mit 7 Jahren), Mathilde Thomine Storm (Eva mit 14) und Ida Ursin Holm (Eva mit 23) ist es vor allem Lassgård („Wallander“, „Ein Mann namens Ove“, Rezi siehe HIER), dessen Auftritt sich einbrennt. Er darf in „Das Löwenmädchen“ auch den mit Abstand interessantesten Charakter geben, schwankt sein Gustav doch über mehrere Jahre zwischen überforderter, misshandelnder und fürsorglicher Vaterfigur. Im Gegensatz dazu kommt beispielsweise Hannah, die lange Zeit bei / mit ihm wohnt, über die Rolle einer Stichwortgeberin nicht hinaus. Ihr Innenleben bleibt dem Zuschauer ebenso verborgen wie das von Eva, die von ihrem Vater unter anderem immer wieder in eine Art Besenkammer gesteckt wird, wenn er ihrer überdrüssig ist. Hier wäre mehr psychologischer Tiefgang wünschenswert gewesen.

Ähnlich verhält es sich mit den Episoden, in denen Eva von anderen Menschen beleidigt, unsittlich berührt oder schlicht wie ein Forschungsobjekt behandelt wird. Nichts scheint sie emotional wirklich zu treffen. Wenn dann völlig unvermittelt mitten im Film ein kurzer Off-Kommentar von ihr zu hören ist, stellt sich die Frage, welche Position die Regisseurin ihren Zuschauern eigentlich zugestehen will: die des stillen Beobachters oder die des Mädchens?

Im krassen Gegensatz zur gemächlichen Darstellung der abgeschotteten Kindheit rauscht der Film im letzten Drittel plötzlich wie ein Zug durch die Stationen von Evas weiterem Leben. Konflikte, denen sie sich als Erwachsene wahrscheinlich sehr viel selbstbewusster stellt als noch als Kind, werden ausgespart, Fragen der gesellschaftlichen Akzeptanz nicht gestellt. Das sind inhaltlich schmerzvoll verpasste Chancen, die den Eindruck verstärken, dass Idsøe eher einen Wohlfühlfilm drehen wollte, als sich ernsthaft mit dem Thema Ausgrenzung und Andersartigkeit auseinanderzusetzen. Das ist legitim, ohne Frage, aber im Falle von „Das Löwenmädchen“ völlig verschenkt.

(Plakat + stills: © 2017 NFP marketing und distribution/Christine Schröder)